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Siemens Medienkunstpreis 1992

Preisträger 1992 :: Paul Garrin
Medienkünstler (DM 30.000)

*_Bevor der in den USA geborene Paul Garrin 1985 mit eigenen künstlerischen Arbeiten begann, war er der "technical whiz" hinter Nam June Paiks Arbeiten und für die virtuose Elektrotechnik der Videobänder verantwortlich. [...]

      In seinen eigenen Arbeiten versucht Garrin, zwei Strömungen der amerikanischen Kunst im technischen Medium Video zu verbinden: einen Hauptstrom, den Populismus und Konsumerismus, mit einem Nebenstrom, der künstlerischen Sozialkritik. [...] Gerade durch die Verbindung von sozialen Szenen der Gewalt und einem virulenten Vokabular der elektronischen Effekte erhalten Garrins Videobänder ihre grammatikalische Tiefenstruktur und Überzeugungskraft. [...]

      Die Manipulation der Emotionen wird durch Analyse parallelisiert. Denn langsame Schnitte von friedlich aufgenommenen Straßenkämpfen wären ebenso sinnentleert, wie harte schnelle Schnitte von friedlichen Landausflügen. Gerade die Verbindung der überwältigenden und gewalttätigen Technikeffekte mit den Bildern der sozialen Gewalt, gerade die intensive elektronische Nachbearbeitung von Bildern der staatlichen Aggression, gerade die durch extensive und exzessive digitale Manipulation hochvergrößerte Geschwindigkeit der Videobilder vermögen das Phänomen der Gewalt in unserer Gesellschaft, die Techno-Geschwindigkeit als eigentliche Gewalt dieser Gesellschaft, sichtbar zu machen.

      Diese Position verbindet Paul Garrin, der Elektronikvirtuose und Sozialarbeiter gleichermaßen ist, mit einem anderen Preisträger des Medienkunstpreises 1992, nämlich mit Paul Virilio. Garrins Arbeiten, welche eine hochartifizielle Technik mit sozialkritischen Strategien in Ansätzen verbinden, nützen die immense Faszination der technischen Möglichkeiten aus, um uns an den Bildern selbst die Wirkungen der Drogen Geschwindigkeit und Gewalt auf unsere Gesellschaft zu zeigen. Die technischen Mittel führen vor, wie die massenmediale Friedensgesellschaft als Fundament eine massenmateriale Kriegsgesellschaft hat.

      Wenn avancierte elektronische Effekte nur Nebenprodukte der Militärtechnologie sind, wie Virilio gelehrt hat, dann zeigt uns vielleicht Garrin einen "escape button" aus diesem Dilemma. Die formalen Möglichkeiten der digitalen Technologie werden gerade genutzt, um die Zivilgesellschaft ihres Kriegscharakters zu überführen. Im elektronischen Zeitalter, wo gemäß Virilio Geschwindigkeit ein Mittel der Politik und eine Strategie des Krieges ist, stellt Garrin mittels eben dieser Apparate und Effekte der (kriegerischen) Geschwindigkeit die Frage nach den politischen Bedingungen einer "free society". [...]

      Paul Garrins Videokunst ist beispielhaft für eine jüngere Generation, in deren Videobändern elektronische Spezialeffekte nich sinnlos knallen, sondern wo die visuelle Peitsche den Taktstock der Machthaber aus dem Rhythmus bringt. Vom formalen Ästhetizismus vieler Videobänder der Vergangenheit hat er zur sozialbezogenen künstlerischen Praxis der Gegenwart übergeleitet.

Gekürzte Fassung des in "Medienkunstpreis 1992" veröffentlichten Aufsatzes von Peter Weibel "Paul Garrin Elektronikvirtuose und Sozialarbeiter" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1992) ][

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