Bruce Nauman [USA] :: Untitled [o.J.]

»Kunst ist ein Instrument, mit dem man sich eine Aktivität des Erforschens aneignen kann. Ich weiss nicht, ob man Dinge wirklich in größerem Ma?stab verändern kann. Man kann sich der Möglichkeit bewußt werden, und es ist wichtig, das zu tun«, erklärte der amerikanische Künstler Bruce Nauman 1978 in einem Interview.

Diesem Vorgehen entsprechend versucht die Ausstellung »Der Anagrammatische Körper« die vielschichtigen Gedanken und Vorstellungen, die nahe gerückten wissenschaftlichen Eingriffe, die potentiellen medizinischen Fortschritte sowie deren Gefahren zur Disposition zu stellen. Bruce Nauman beschäftigte sich seit Beginn seiner künstlerischen Praxis mit dem Körper. Zunächst galt dem Neuen Amerikanischen Tanz seine Aufmerksamkeit, bald jedoch brachten ihn seine theoretischen Überlegungen, die unter anderem auf der Lektüre des »Tractatus« von Wittgenstein aufbauten, und seine mathematischen Studien zu der Erkenntnis, dass allein das körperbezogene Handeln im Verbund mit der zugrunde liegenden Vorstellungskraft den spezifisch menschlichen Wahrnehmungsraum konstituieren. Wie viele Künstlerkollegen untersuchte Nauman in Performances, die per Video dokumentiert wurden, den eigenen Körper, den ihn disponierenden Raum. Gleichzeitig entstanden interaktive Werke, die dem Zuschauer selbst neue Raumerfahrungen vermitteln. Eine starke Tendenz zur Abstraktion kennzeichnet das Oeuvre Naumans.
Anstatt in persona treffen wir auf »Bruce« 1968 in Form einer langgezogenen Neonschrift -> »Mein Name als stünde er auf der Oberfläche des Mondes geschrieben« betitelte er die Arbeit.
Im Wort »Person« ist bereits ein weiteres Merkmal Naumanscher Ikonographie enthalten: die Maske (lat. persona). Während der Begriff persona in der Antike auch auf Individuen bezogen wurde, die nicht als rechtsfähig angesehen wurden, änderte sich das ethymologische Verständnis und die moralische Auffassung von einer Person durch die frühchristliche Dogmatik. Boethius definierte, »die Person ist die unteilbare Substanz eines vernünftigen Wesens«.
Die Maske nach heutigem Verständnis symbolisiert eben kein Individuum, sondern lediglich den Anschein eines solchen. Sie mag subjektiv gewählt oder objektiv bestimmt sein, aber sie ist ein menschliches Konstrukt.
In der Fotografie »Untitled« durchstechen die Finger das künstliche Gebilde, die Maske, an Mund und Augen. Die Leiblichkeit, somit die Authentizität, destruiert das Artifizielle, ja man könnte in Assoziation an die Kriminalistik vom genetischen Fingerabdruck sprechen, der die artifizielle Oberfläche durchbohrt, die Maske herunterreißt. Als Garant für das Menschliche steht der Körper, obgleich damit keineswegs ein humanistischer Begriff von Menschlichkeit einhergehen muß.

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombination des Körpers

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Zeichnung
Kritik zu einer Ausstellung von Bruce Nauman im Künstlerhaus Bethanien [Berlin 1995]
Bruce Nauman, »Perfect Balance [Pink Andrew with plug hanging with T.V.]« 1989

  
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