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Medienkunstpreis 1993

Preisträger 1993 :: Friedrich Kittler


Der Medientheoretiker und -historiker erhielt einen Preis in Höhe von DM 20.000.

*_Florian Rötzer: "Du hast dieses Jahr, nach Paul Virilio, den Medientheoriepreis erhalten, der ja nicht nur auf die Ästhetik und die Theorie der Medienkünste ausgelegt ist, sondern auch Denkern verliehen wird, die Grundlagen oder wichtige Akzente der allmählich erst entstehenden Medientheorie setzen. Du hast eine Professur für Literaturwissenschaft inne, bezeichnest Dich aber mittlerweile eher als Medienwissenschaftler. Warum sollte man denn aus deiner Perspektive die herkömmlichen Geisteswissenschaften eher auf der Basis einer Medienwissenschaft fundieren? Recht provokant hast du ja im Sinne dieser Programmatik einmal ein Buch mit dem Titel "Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften" herausgegeben."

      Friedrich Kittler: "Biographisch war schon die Literaturwissenschaft ein Versuch, die Füße auf den Boden zu kriegen. Ich hatte zunächst Philosophie studiert, und just in dem Moment, als mich der Auftrag ereilte, über Hegels Ästhetik zu promovieren, kam mir der entsetzliche Gedanke, daß es vielleicht gar keine Gedanken gibt, sondern nur Wörter. Der Schritt aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft war also schon der Abschied vom idealistischen Traum, sich selbst beim Denken beobachten zu können, und der Versuch, Wörter als ein Medium zu begreifen, das es gibt und das positive Effekte ausübt.

      Damals gab es ja bereits Leute wie Gregory Bateson, die zur Begründung einer Kommunikationstheorie des Sprechens und Schreibens auch materielle Wirkungen einbezogen. Es gab Jaques Lacan, der den Signifikanten in seiner Materialität beschrieben und das Operieren des einzelnen Wortes, der einzelnen Silbe oder auch des einzelnen Buchstabens mit der Anordnung der Schreibmaschinentasten oder der Buchstaben im Setzerkasten verglichen hat. In Frankreich oder in den USA bestanden also schon Theorien, die sich der Materialität, der Verankertheit von Texten zugewandt hatten.

      Biografisch war nur noch Kalifornien notwendig, um diese Literaturwissenschaft angesichts der Konfrontation mit Silicon Valley dann versuchsweise auf eine Medienwissenschaft zu erweitern, die noch nicht gleich Computerwissenschaft war. Insgeheim habe ich damals zwar Transistoren und integrierte Chips zusammengelötet, was sich aber nur schwer mit der Literaturwissenschaft verbinden ließ, die mir vorschwebte. Dagegen war das pure Faktum, daß ich damals alles auf der Schreibmaschine schrieb und daß viele interessante Texte seit 1890, beginnend bei Nietzsche, auf der Schreibmaschine entstanden, der Ausgangspunkt meiner Mediengeschichte und –theorie. [...]

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1993" veröffentlichen Gespräch zwischen Friedrich Kittler und Florian Rötzer (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Stuttgart 1993) ][

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