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Oswald Wiener

Der Bio-Adapter


Auszug aus Oswald Wieners »appendix A: der bio-adapter« 1965/66.

In:: »Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman« Reinbek 1969

a.) philosophische ansaetze nebst vorgriffen auf die systembeschreibung.

      der bio-adapter bietet in seinen grundzuegen die m. e. erste diskutable skizze einer vollständigen loesung aller welt-probleme. er ist die chance unseres jahrhunderts: befreiung von philosophie durch technik (1). sein zweck ist es nämlich, die welt zu ersetzen, d. h. die bislang voellig ungenuegende funktion der »vorgefundenen umwelt« als sender und empfaenger lebenswichtiger nachrichten (nahrung und unterhaltung, stoff- und geistwechsel) in eigene regie zu uebernehmen - und seiner individualisierten aufgabe besser zu entsprechen, als dies die »allen« gemeinsame, nunmehr veraltete sog. natuerliche umwelt vermag. in seiner wirkung kann der bio-adapter mit der eines aeusserst hochgezuechteten, durch laufende anpassung auch den differenziertesten beduerfnissen hoechstorganisierter lebewesen gewachsenen uterus' verglichen werden (»gluecks-anzug«).

      er kann als die sich ins zunaechst noch »ausserleibliche« erstreckende hypertrophie der organmoduln sowie der nervoesen baukomplexe seines inhabers interpretiert werden, und ist in dieser betrachtungsweise ein konverter der vom menschen in dessen umgebung projizierten lustimpulse.(servo-narziss) es ist die auffassung des designers des bio-adapters, dass erst die einheit mensch-adapter den anforderungen einer verantwortungsbewussten anthropologlschen kritik standhalten kann - aber daneben auch dem gesundheroischen Ideal eines den kosmos regierenden homo sapiens erstmalig genuegt, und zwar durch trockenlegung des kosmos einerseits, und zum andern durch liquidation des homo sapiens.

      der mensch, ausserhalb seines adapters ein preisgegebener, nervoes aktivierter und miserabel ausgeruesteter (sprache, logik, denkkraft, sinnesorgane, werkzeug) schleimklumpen, geschuettelt von lebensangst und von todesfurcht versteinert, wird nach anlegen seines bio-komplements zu einer souveraenen einheit, die des kosmos und dessen bewaeltigung nicht mehr bedarf, weil sie auf eklatante weise in der hierarchie denkbarer wertigkeiten ueber ihm rangiert.

      der mensch bedarf des adapters, weil er im zuge seiner geschichte (welche eben im adapter abhanden kommt) durch hervorbildung seines bewusstseins in einen gegensatz zu seiner immer verbaler apperzipierten (d. h. im verlauf der progressiven verbalisierung ueberhaupt erst "wahrgenommenen") umwelt geraet, diese geradezu erst herausfordert, vorhersagt, materialisiert, erzeugt er vereinzelt sich... sein bewusstsein, dem er sich immer verzweifelter ueberlaesst, draengt ihn unter bildung und zuhilfenahme kraenklicher begriffe individualitaet, polaritaet gegenueber einer vexierbildhaften umgebung, welcher er in ueberanstrengung seiner sinne bestandteile anzuerkennen bemueht ist, gegenueber einer erfundenen, gleichwohl erlittenen, ihn blindwuetig mit nachrichten befetzenden objektwelt, und neurotisch-anankistische organisierung derselben zu kategorien und methodisch angehauchten hierarchien auf. der mensch wurde schutzlos durch das bewusstsein seiner symbolischen singularitaet, dieser seiner Iyrischen hoffnung, und seiner ergo fiktiven gegnerschaft zum alsbald bedrohlich empfundenen all. hier setzt nun der bio-adapter an, und reduziert das all auf den status einer unterhaltsamen ... fabel.

      der adapter legt sich - von "aussen" betrachtet - zwischen den ungenuegenden kosmos und den unbefriedigten menschen. er schliesst diesen hermetisch von der herkoemmlichen umwelt ab und greift nur in den ersten stadien der adaption auf zu diesem zweck gespeicherte eigene informationen und auf solche seines inhalts zurueck. der mensch geniesst dabei zunaechst eine aufbereitete, therapeutisch angereicherte wahrnehmung ausgewaehlter aspekte des erinnerten kosmos. in der ersten adaptions-stufe vertritt der adapter foermlich das "aussen", er simuliert wechselbeziehungen, indem er sich als partner versteht. der sich von seiner umwelt auf attraktive weise ausgeeinzelt fuehlende mensch weiss sich inmitten einer konversation, in einem spiel-aehnlichen dialog mit einer wohlwollenden instanz begriffen.

      die tatsaechliche aktivitaet des bio-adapters in dieser phase besteht jedoch in der simulation eines kommunikationsschildes, einer membran zwischen den verschiedenen strukturen des bewusstseins seines inhalts. er simuliert einen verkehr mit dem "aussen", indem er, staendig umfassenden lernprozessen unterworfen, im verlaufe seiner exploration des inkorporierten menschen saemtliche nachrichten desselben an das nunmehr hypothetische all analysiert (auch die produkte des metabolismus), und ausgewaehlte portionen davon durchkombiniert wieder zurueckbietet, wobei der nachdruck stets auf dem kriterium der glueckhaftigkeit zu liegen kaeme.

      der bio-odapter funktioniert also, um es kurz zu sagen, als ein makro-instruktionen einer nicht mehr vorhandenen aeusseren nachrichtenquelle simulierender informationsspiegel: die impulse der bio-einheit werden analysiert, nach massgabe der zunaechst mutmasslichen lustbetonung neugruppiert, transkodifiziert, und eingespiegelt.

      der zu adaptierende mensch wird pausenlos nach seinen beduerfnissen abgetastet, solange bis dieselben zum zwecke erhoehten lustgewinns vom adapter selbst erzeugt werden koennen. die lernstrukturen des adapters fuehren naemlich die komplette einheit behutsam aus dem ausgangsstadium, welches unmittelbar nach inbetriebnahme gegeben ist, in aufeinanderfolgende phasen immer umfassenderer sinnlicher und intellektueller genussfaehigkeit, die schliesslich in einer erweiterung des bewusstseins gipfeln, wie sie durch eine hinsichtlich ihres grades variable koppelung der anfaenglich noch als objektwelt empfundenen strukturen des adapters mit dem nervensystem seines inhalts erreicht werden kann - eine koppelung, die als um so effektiver gelten wird, je weniger transkodifikationen der informationsabtausch zu durchlaufen hat.

      dazu ist es noetig, die einheit mit grosszuegigst angelegten feedback-kreisen auszustatten, um ihr programm-modifikationen jeder erforderlichen groessenordnung zu ermoeglichen, auch muessen die grund-instruktionen (monitoren) selbstverstaendlich den groessten teil des zeitgenoessischen wissens umfassen; weiters muss der adapter jedenfalls im stande sein, alle moeglichen operationen am zunaechst ja noch menschlichen leib durchzufuehren (amputationen; organverpflanzungen; neurochirurgie), sowie die regeneration eigener etwa gestoerter funktionen bzwse. den entwurf und den einbau von ersatz-moduln und ueberhaupt eigener neu-entwicklungen bewerkstelligen koennen.

      er modifiziert also nicht nur seine programme, die ja als unordnungs-abfolgen von »materie-zustaenden« interpretiert werden muessen, sondern im rahmen der selbst-adaptierung auch seine stofflichen moduln, die als programmtraeger sequentielle steuerung erst ermoeglichen. sohin sind diese in keiner weise mehr passive medien des ablaufs, sondern eben bestimmende zustaende; die unterscheidung von hardware und software ist ja bloss eine didaktische, und an sich ohne sachliche berechtigung: der einbau eines gelenks zwischen schulter und ellenbogen wird eine neue aera des rueckenwaschens einleiten.

b.) rudimentäre systembeschreibung, ferner mutmassungen ueber die entwicklung des systems. fragmente. einzelne funktions-einheiten.

      der bio-adapter wird in grosserie hergestellt; abgesehen von den medizinischmechanischcn effektor-moduln werden ausschliesslich mikrominiaturisierte monolithisch integrierte schaltkreise verwendet. jeder adapter greift auf einen ausreichenden vorrat transformierbarer betriebskraft in gestalt menschlicher nahrung, eigener betriebsenergie, pharmazeutischer stoffe und ersatz-materie als rohstoff zurueck. chemische einheiten zur regeneration von stoffwechselprodukten sind vorgesehen.

      nach austestung und laden der monitoren ist der adapter betriebsbereit. die ausloesung der start-routinen sollte dem sich dem bio-adapter anvertrauenden menschen selbst ueberlassen bleiben. die beschickung des adapters stellt wohl ein ethisch-rechtliches problem dar, dieses sollte aber nicht unloesbar sein. sie kann auf freiwilliger basis erfolgen, es koennte aber auch sein, dass die staatlichen machtmittel zum besten der buerger in anwendung gebracht werden muessen. man wird sich vorstellen duerfen, dass millionen von adaptern dicht aneinander gepackt in unter- oder oberirdischen wabensilos untergebracht werden koennen (selbstverstaendlich bedeutet das anlaufen der internationalen grossaktion das ende der menschheit - sicherlich jedoch nicht das ende des bewusstseins als spitzenerzeugnis der evolution, ganz im gegenteil!).

      einmal angelegt, kann der bio-adapter nicht mehr verlassen werden - allein schon deshalb, weil der einmal in adaptation befindliche mensch ausserhalb des adapters nicht mehr lebensfaehig ist: der inhalt des adapters ist fuer die gesellschaft verloren, weil er die wirklichkeit verlassen hat. da, aus naheliegenden gruenden, keine information aus dem adapter in die gesellschaft dringen darf (ueberdies waere sie ja in einem fortgeschritteneren stadium der einheit voellig unintellegibel), kann die entwicklung der einheit nur anhand der grundlegenden dispositionen fuer das anfangsstadium vermutet werden.

      die fundamentale instruktion des bio-adapters ist auf erhaltung des bewusstseins gerichtet; es koennte jedoch der fall eintreten, dass auf grund seelischer gegebenheiten (aber auch - selten! - auf grund unguenstiger und ausserdem irreversibler evolution) das "experiment" terminiert werden muss; in diesem fall besorgt der adapter den gluecklichen tod seines patienten, und wird, nach selbsttaetiger stillegung seiner funktionen, zum leblosen sarg seines toten inhalts (euthanasie).

      die wertestellung des bio-adapters laesst diesen mittels seiner sensoren erkennen, ob sich ein mensch in seinem inneren zur reise bereitmacht. sofort nach betaetigung des starthebels (welcher dadurch funktionslos wird - er wird alsbald abgebaut und der materie-reserve zugefuehrt) beginnt der adapter zu arbeiten. er schliesst sich und stellt atemluft zur verfuegung. die klima-einheit sorgt fuer ideale »äussere« bedingungen.

      gesteuert durch eine anzahl von sensoren, welche den konturen des menschlichcn koerpers folgend plaziert sind, schmiegt er sich eng von allen seiten an diesen, ohne ihn allerdings ausser an den unter einbeziehung der schwerkraft vorauszusetzenden stellen zu beruehren. mit diesen sensoren nimmt er jede bewegung des menschlichen koerpers wahr, und eilt ihr an der entsprechenden stelle voraus, indem er sich einbuchtet. so bleibt er der sich staendig verschiebenden struktur angepasst, ohne seinen inhalt im geringsten durch klausur empfindungen zu belaestigen; gilt die intention einer transport-bewegung (geh-, kriech-, laufversuche), so gibt der adapter an der gemaessen stelle in gewohnter weise nach.

      von der das gesicht umgebenden partie des bio-adapters (der raum unmittelbar um die augen) werden zu gestalten geformte lichtkombinationen generiert; die lage-sensoren steuern im zusammenspiel mit den registratoren der fortbewegungsversuche bildausschnitte und bildlage sowie die parallaxenverschiebung des hintergrunds (servo-zoom, perspektiv-automatik), ferner tonstaerken und schallrichtungen inklusive eventuell erforderlich werdender doppler-effekte.

      freilich werfen die komplexe des tast- und raumsinns gewisse probleme auf. sie koennen jedoch mit hilfe verschiedener haptischer geber und kombinationen derselben gemeistert werden, umso leichter, als ja die variationsbreite der tastempfindungen beim menschen beschraenkt ist, und die empfindlichsten stellen relativ genau umrissen, nicht allzu ausgedehnt und im zusammenwirken mit den uebrigen sinnesorganen funktionell spezialisiert sind. der adapter wird nur jene oberflaechensegmente »beruehrter gegenstände« simulieren, welche tatsaechlich mit der haut etc. des bio-moduls, von diesem anvisiert, in beruehrung kommen sollen, und nicht etwa gar die komplette ueber die video-einheit servierte gestalt.

      der vom bio-modul erwartete tast-eindruck kann seitens des bio-adapters durch registrierung der auf gezeigte bilder hin gerichteten bewegungen ohne weiteres abgefolgert und bereitgestellt werden. streicht etwa die hand des bio-moduls, nach erreichen eines gegenstandes, ueber diesen hin, so simuliert der adapter immer nur die wenigen quadratzentimeter der tatsächlich berührten fläche, indem er in der bewegungsrichtung mit geringem vorsprung neue fläche vorbereitet, um sie hinter der berührung sofort wieder abzubauen. ][

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