Cindy Sherman [USA] :: #256 (Hooded Figure) [1992]

Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman gehört zu einer Generation, die mit Film und Fernsehen groß geworden ist. Wenn sie in ihren Arbeiten die öffentlichen Bilder thematisiert, so stellt sie keineswegs die Medien an sich in Frage, sondern deren Auswirkungen auf unser Selbstbild.

Mitte der 80er Jahre reüssierte Sherman mit nachgestellten Hollywood - Filmstills, die vor allem die Rolle der Frau kritisch beleuchteten. Damit nahm sie feministische Kritik an der medialen Konstruktion von Frauenbildern vorweg, gleichzeitig illustrierte sie mit visueller Überzeugungskraft Theoriekonzepte wie die von Judith Butler oder Julia Kristeva.
Zunächst arbeitete die amerikanische Fotografin sowohl vor wie auch hinter der Kamera. Sei es in ihrer Reihe der »Modefotos« oder in den nachgestellten »Historischen Portraits«, Sherman erprobte am eigenen Körper die Reinkarnation durch mediale Wiedergeburt.

Mitte der 90er Jahre konzentriert sie sich ausschließlich auf Regie und Aufnahme. Objekt vor der Kamera sind nun Puppen, vornehmlich Schaufensterpuppen, ungelenke, sperrige Kunststoffmenschen. Damit einher veränderte sich im Laufe ihrer künsterlischen Entwicklung der thematische Schwerpunkt. Stand zu Beginn die Frage nach einer vermeintlichen Schönheit, so suggerieren Shermans Bilder heute Abstoßendes, Widerwärtiges, Ekelgefühle. Mit ihren Fotoarrangements erschafft sie eine subtile Metapher für emotionale, unkontrollierte Bewußtseinszustände. Während die einstigen Filmschönheiten als absichtsvoll inszenierte Ideale angesehen und argwöhnisch hinterfragt werden können, entziehen sich die Bilder des Schreckens, der sexuellen Perversion, der Angst einer ausschließlich sozialen Topik. Vielmehr erschüttern die Aufnahmen von Mordopfern, Vergewaltigungen, entstellten Fratzen, weil sie jedem ursprünglichen vitalen Willen widersprechen.
Der Henker als Opfer, wie auf Bild #256 zu sehen, entblößt unsere Vorurteile durch seine hilfesuchende Hand. Das Schwarz der Nacht, das Beil im Hintergrund, das vermummte Gesicht, alles in diesem Bild ist dazu angelegt negative Erwartungen zu erfüllen und doch liegt die Figur nackt, schutzlos vor uns, reicht uns die Hand, fordert zum Herantreten auf. Sherman will die Sinne erschrecken, den Verstand brüskieren und die Gefühle durcheinanderbringen, indem sie die Begriffskategorien verändert. Wir meinen einen schamlos entblößten Mann wahrzunehmen, haben es in Wirklichkeit mit einer Puppe zu tun, wir meinen eine dramatische Filmszene zu beobachten, betrachten aber nur ein statisches Foto.
Ist der Henker gut oder böse? Hilft uns die visuelle Wahrnehmung bei der Klärung eines moralischen Urteils?
Seit 1997 arbeitet Sherman auch als Regisseurin. Eine für sie zunächst ungewohnte Aufgabe: »Viele Leute denken wohl, Filmemachen müsse für mich so etwas wie eine natürliche Entwicklung sein, weil meine Photos so viel mit Film zu tun haben. Aber mir liegen Dinge wie die Sprache, das Erzählen und der Dialog überhaupt nicht,« berichtet die Künstlerin. Dennoch überzeugte ihr Streifen »Office Killer«, der 1997 auf dem 50sten Internationalen Filmfestspiel in Locorno präsentiert wurde, die Kinobesucher. Dass Cindy Sherman heute zu den erfolgreichsten und anerkanntesten KünstlerInnen weltweit gehört, belegt nicht zuletzt die Ehrung mit dem Goslarer Kaiserring 1999, den sie für ein aufwühlendes, gleichwohl unbestritten notwendiges Oeuvre wie die Reihe der »Sex Pictures« erhielt.

Text: Barbara Könches

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