Maria Lassnig [A] :: Stilleben mit rotem Selbstportrait [1969]

Es ist kein Zufall, dass in der Ausstellung »Der anagrammatische Körper« ebensoviel Künstlerinnen präsentiert werden wie Künstler. Es ist auch kein politisches Proporzdenken, das eine Teilnahme von Frauen aus strategischen Gründen auf sein Banner schreibt, nein das Thema »Körper, Körperlichkeit, Körperempfinden« basiert fundamental auf den Werken, die von Frauen in den 50er - 90er Jahren angefertigt wurden.

Angeregt durch die Diskussion um die weibliche Position in der Gesellschaft reflektierten die Künstlerinnen ihre Rolle sowohl innerhalb des Kunstbetriebs als auch im Hinblick auf die Frage, wie der weibliche Körper die jeweilige individuelle Biographie prägt. Maria Lassnig gehörte zur Avantgarde dieser Bewegung, auch wenn ihre internationale Entdeckung etwas auf sich warten ließ.
Vielleicht lag es an ihrem unbedingten Willen an der klassischen Malerei festzuhalten und doch bezeugen gerade ihre Arbeiten, wozu Malerei nach wie vor in der Lage ist. Die Spannung zwischen Körper und Geist, zwischen physischem Zwang und phsychischer Disposition, bildet den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Intervention. Immer stellte sich Lassnig die Frage nach der Mitteilbarkeit persönlicher Gefühle. Dafür erfand sie ein ganz eigenes Koordinatensystem in der Malerei, das auf Bekanntem aufbaut und Unbekanntes hervorbringt, die von ihr so bezeichnete »Körpergefühlsmalerei«. Vom Informel ausgehend bewegte sie sich seit den 60er Jahren auf eine wage Figuration hin, die dennoch kein konkret realistisches Objekt abbildet. Vielmehr stellen ihre Bilder Chiffren da, die dem Betrachter Nähe suggerieren und doch irreal im Raum schweben. Eine konsequent zu Ende geführte Introspektion kann nichts anderes zum Gegenstand haben als das Subjekt. So zeichnet und malt Maria Lassnig immer wieder Selbstportraits, die mit Erfahrung und Traum, mit Essentiellem und Surrealem angereichert sind, so dass sie über die bloß persönliche Befindlichkeitsstruktur hinausreichen und das allgemein Menschliche, oft das allgemein Weibliche thematisieren.

Der Körper ist Transformator zwischen Eindruck und Ausdruck, das Resultat ist ein gemaltes Bild. "Die Malerin spricht als Körper", hat das Peter Weibel einmal genannt. Das »Stilleben mit rotem Selbstportrait« besteht denn auch keineswegs aus einer Gesichtsstudie oder ähnlichem, sondern es reduziert die Frau auf den Mund, einem Körperorgan, das passend zum Früchtestilleben mit der Nahrungsaufnahme assoziiert wird, aber ebenso ein Symbol für Liebe, Begehren oder Erotik darstellt.
Sehr schön sieht man an diesem Bild die kritische Position von Maria Lassnig, die damit inhaltlich und formal auf die damals aktuelle Pop - Art reagierte. Sie steht weit abseits der affirmativen Begeisterung für das american way of life. Die Künstlerin kämpfte über Jahre für die vorbehaltlose Anerkennung der Gefühle, die jenseits aller Tendenzen und Stile das menschliche Wollen in Beziehung setzen zum Können. Die Schrift des Körpers zu lesen, bedeutet noch lange nicht, sie zu verstehen. Und wie die Emotionen zu entschlüsseln sind, dafür gibt es bislang einzig die von KünstlerInnen erstellten Atlanten.
"Maria Lassnig ist und bleibt die Meisterin der Bildersprache der Seele", wie es 1997 in der Berliner Morgenpost hieß.

Text: Barbara Könches

Die Organe des Körpers als Buchstaben :: Vereinzelung

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