Friederike Nestler-Rebeau [A] :: Körperprojektionen [1980/81]

Welch großen Anteil die technischen Innovationen daran haben, den menschlichen Körper neu zu verstehen, belegen die Arbeiten der österreichischen Künstlerin Friederike Nestler-Rebeau. Sie führt uns die Verschmelzung von Leibern vor Augen, deren drastischer Realismus nur dank des ursprünglich dokumentarischen Charakters der Fotografie möglich ist.

Zum einen bestehen die »Körperprojektionen« aus dem Bild eines fragmentarischen weiblichen Torsos, zum anderen erkennt man eine auf dem Boden kauernde, hagere Figur, die in sich versunken eine embryonale Haltung einnimmt. Fügt man beide Fotos zusammen, so wie der Werktitel es beschreibt, so ergeben sich interessante Ansätze einer Neuinterpretation. Der Frauenkörper verliert und gewinnt zugleich seine biologische Determination, indem der sexuelle Appell abnimmt, dafür die Gebärfähigkeit in den Vordergrund rückt. Es sind aber keineswegs alleine die Prozesse von Empfängnis und Geburt angesprochen, sondern die Rolle der Mutterschaft. Die Fortpflanzung der Menschheit hängt bislang allein von der physischen Disposition und der psychischen Bereitschaft der Frauen zum Kinderkriegen ab. Damit einher geht die Verantwortung diese Kinder groß zu ziehen, zu erziehen - wie man sagt, sie zu einem individuellen und doch zugleich sozialen Wesen zu formen.
Der zusammengekauerte »erwachsene« Embryo der »Körperprojektion« steckt in uns allen, denn der Verlust einer ehemals gefühlten Geborgenheit im Mutterschoß ist ein immer wieder auftretender Schmerz. Melancholie nannte man früher diese Gemütsverfassung, heute sprechen wir von Depression, und doch bleibt das Phänomen dasselbe. Friederike Nestler-Rebeau erweitert die bloße Ansicht auf einen unbekleideten Körper zu einer Beschreibung von Geist und Seele. Gestik und Mimik verraten mehr über einen Menschen als die genaueste anatomische Rekonstruktion.

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers

  
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