Tilo Keil [D] :: Ohne Titel (Ohrbrust) [1969]

Die virtuelle Reise durch den Anagrammatischen Körper offenbart nicht nur ungewöhnliche Sichtweisen auf das fleischliche ABC, sondern führt ebenso zu Neu- bzw. Wiederentdeckungen. Dazu gehören auch die Arbeiten von Tilo Keil, einem früh verstorben Multitalent. 1931 in Dresden geboren studierte er Musik und Kunst, spielte im Sinfonie - Orchester der Stadt Münster und arbeitete gleichzeitig als freier Künstler. Einzelausstellungen in Düsseldorf, München und Frankfurt sind Belege einer aufwärts strebenden Künstlerkarriere, die 1969 durch den Tod des Künstlers jäh beendet wurde.

Mitte der 60er Jahre war die Fotografie im Gegensatz zu heute eine umstrittene Kunst. Sie galt als amateurhaft, unkünstlerisch, als ein Medium der Dokumentation oder der Unterhaltung. Die Künstler ließen sich jedoch durch diese Vorurteile nicht irreführen, und Tilo Keil gehörte zu jenen, die früh mit den technischen Möglichkeiten dieses Mediums experimentierten. Auf großformatigen Fotomontagen rekombinierte Keil einzelne Körperteile wie Lippe, Brust, Finger und Fußzehen zu anthropomorphen Gewebeansammlungen. Peter Gorsen beschrieb 1968 die Wirkung der Bilder folgendermaßen: "Einerseits gehen die naturhaft vorgegebenen Formen ihres psycho-physischen Ortes, ihrer anatomisch richtigen Stelle, in der Zerstückelung und Beschnittenheit durch die Montage verlustig, andererseits bleiben ihnen trotz dieser ästhetischen Verfremdung die sinnlichen Anmutungsqualitäten der vorästhetischen leiblichen Natur erhalten." Keils Fotografien atmen in der Ambivalenz eines ortlosen Raumes, die menschlichen Organe erstrahlen aus einem tiefen Schwarz, aus dem dunklen Nirgendwo der Nacht. Man kann sie drehen und wenden, nie ergibt sich eine eindeutige Leserichtung, die Körperorgane formieren sich in der Waagerechten wie in der Senkrechten zu Formenassemblagen, die uns bekannte Sehmodule vor Augen führen. Mal gebiert die verwachsene Organstruktur ein Gesicht, mal einen Torso, aber immer sind es gleichsam dem Leib abgeronnene Vorgaben.
Die extremen Nahaufnahmen, die detaillierte Schilderung jeder Hautfalte, jeder einzelnen Pore, verleihen den Fotos eine zusätzliche haptische Erlebnisdimension, durch die eine unmittelbare Präsenz menschlicher Körperlichkeit entsteht. Man kann sich von Keils suggestivem Blick nicht distanzieren, selbst wenn man es möchte. Dazu Peter Gorsen: "Eine erotische Fotomontage im Sinne Tilo Keils wäre erst dann gelungen, wenn sie der raschen optischen Verschleißbarkeit der Schockkollage ebenso entgeht wie der inhaltlichen Unverbindlichkeit eines ästhetischen Spiels mit dem Körper als einem bloßen Fomenensemble."

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers

  
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