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Siemens Medienkunstpreis 1995

Preisträger 1995 :: Das Künstlerpaar Steina und Woody Vasulka

Steina Vasulka :: Einige autobiographische Bemerkungen

*_Von der Zeit an, als ich acht oder neun Jahre alt war, füllte meine Liebesbeziehung zur Kunst mein ganzes Leben bis in die späten Teenagerjahre aus. Ich lebte durch sie, ging in jedes Konzert, in jede Theateraufführung, in jede Oper und in jede Ausstellung. Nicht anderes machte in meinem Leben einen Sinn.

      Ich entschied mich nie dafür, eine Künstlerin zu werden, ich wußte nur, daß ich niemals in einer Bank oder als Kellnerin arbeiten würde. Ich spielte gerne Geige, doch als ich mit der Aussicht konfrontiert wurde, eine professionelle Musikerin zu sein, merkte ich, daß ich einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Ich fand mich in New York, ging von einem Auftritt zum nächsten und fragte mich, ob es nicht mehr im Leben gibt als schwarze Kleider und dürftige Honorare.

      Ich war Woody in den frühen sechziger Jahren in Prag begegnet, wo ich zu dieser Zeit Musik studierte. Mitte der sechziger Jahre kamen wir in New York an. Woody war ein Filmemacher. Durch seine Kontakte in der Filmszene stieß er 1969 auf Video, und das Leben von uns beiden veränderte sich. Welch ein Aufbruch! Es war so, als würde man sich verlieben. Ich blickte niemals zurück. Sobald ich eine Videokamera in meine Händen hielt, sobald ich diesen majestätischen Zeitstrom kontrollierte, wußte ich, daß ich mein Medium gefunden hatte.

      Wir besaßen bereits ein Tonband mit zwei Spuren, die man einzeln bespielen konnte. Es gab die Möglichkeit, die Geschwindigkeit zu verändern. Wir begannen sofort, auch das Video nach denselben Prinzipien zu bearbeiten und zu manipulieren. Zur selben Zeit nahmen wir die tragbare Videoausrüstung zu den Orten mit, an denen sich die Kultur abspielte: WBAI Free Music Store, Judson Church, La Mama, Automation House, The Village Vanguard, Fillmore East, Blue Dom, Max’s Cansas City Steakhouse....

      Nach diesen Ausflügen kam jeder in unser Loft, um dieses unmittelbare Playback anzuschauen, was die meisten noch nie erfahren hatten – sogar das Wort Video war ein völlig neuer Begriff des Vokabulars. Als in unserem Loft immer soviel los war, erzählte uns ein Freund 1971, daß er einen riesigen Raum in einer ehemaligen Küche des alten Broadway Central Hotel entdeckt hatte. Der Raum sollte den Künstlern, nicht dem Publikum zur Verfügung stehen. Deshalb nannten wir ihn The Kitchen-LATK (Live Audience Test Laboratory).

      In den ersten Tagen des Video war alles ein Installation oder ein Environment, wie wir das nannten. Bei der ersten Generation des Videos gab es keine Möglichkeit der Überarbeitung. Man mußte wie bei einem Tonband schneiden und kleben. Deswegen bestanden unsere Environments entweder aus einer "Live"-Kamera, oder die Bänder wurden "live" gespielt. Woody und ich zogen den Einsatz von mehreren Screens vor, normalerweise eine Gruppe von Monitoren und einige Videorecorder.

      Eines unserer ersten Konzepte für eine Installation sah Bilder vor, die horizontal von einem Monitor zum nächsten wanderten. Nachdem wir mit "The Kitchen" begonnen hatten, gab es für uns viele Gelegenheiten, Environments und Live-Videoperformances auszuführen. Als später die Nachbearbeitung technisch möglich wurde, beschäftigte sich jeder mit "The Edit", und die Installationen verschwanden für eine gewisse Zeit, bis sie von der Kunstwelt wieder erfunden wurden. [...]"

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1995" veröffentlichten Aufsatz von Steina Vasulka "Einige autobiographische Bemerkungen" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, 1995) ][

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