: ZKM :: Artikel :: StoryReader
 
 

  

Siemens Medienkunstpreis 1995



Preisträger 1995 :: Das Künstlerpaar Steina und Woody Vasulka
Verleihung des Siemens Medienkunstpreises für ihre Pionierarbeit in der Video- und Computerkunst und in der dafür erforderlichen Entwicklung neuer medientechnischer Werkzeuge.

*_Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als begonnen wurde, das Medium Video als Kunstform zu erforschen, ging es vor allem darum, Video als spezifische Sprache des Films und des Fernsehens zu unterscheiden. Die Suche galt den videospezifischen Elementen der Videosprache. Die Frage war, was kann künstlerisch in keinem anderen Medium, nicht im Tafelbild und nicht im Film, sondern nur im Videomedium geleistet werden.

      Video wollte sich damals nicht an die vorhandenen historischen Kunstformen wie Kino, Malerei oder Skulptur angleichen, sondern im Gegenteil radikal davon unterscheiden, sowohl in den ästhetischen Strategien wie im sozialen Gebrauch. Radikales Video zielte nicht auf das Kunstsystem und den Galerie- bzw. Museumsbetrieb, sondern auf die Kommune und die verschiedenen Befreiungs- und Protestbewegungen alternativer Realitäten. Dies war die große heroische Zeit der Videokunst, die Pionierzeit, wenn unter Pioniergeist die Gründung eines Systems, eines Gedankengebäudes, einer Sprache, einer Kultur verstanden wird. In diesem Sinne sind die Vasulkas Pioniere der elektronischen Kunst.

      Später in den 80er Jahren hat sich das Ziel der Videoszene gewandelt. Die Videokünstler wollten sich im Zeitalter der Euphorie und des Erfolgs der historischen Kunstformen wie neoexpressive Malerei und figurale Skulptur den traditionellen Kunstformen wieder angleichen: Objekthafte Videoskulpturen entstanden, wie aus Design-Shops, Video-Installationen wie in Discotheken, welche die visuelle Struktur der Kaufhäuser und Fernsehsender wiederholten. Die Videokünstler, welche sich dieser Anpassung an die historischen Künste am besten fügten, insbesondere indem sie den maschinellen Anteil sowohl an der Bildersprache wie im Display durch poetische Repräsentationsformen unterdrückten, wurden vom Markt belohnt, vereinzelt und in einschlägigen Großveranstaltungen des Kunstmarktes als Repräsentanten der Videokunst weitergereicht.

      Die Vasulkas hingegen haben ihre Recherche unbeirrt von den Anfechtungen und Anpassungsnötigungen des Kunstmarktes weitergeführt und in der Erforschung des Codes des elektronsichen Bildes eine singuläre Position erreicht. Ihr Nonkonformismus hat insbesondere in Deutschland, wo die Kunstszene reaktionärer ist als anderswo, zu völligem Unverständnis geführt. Sie waren daher in keiner einzigen Großausstellung vertreten. In Italien oder Frankreich hingegen haben die Vasulkas seit Jahren immer wieder große Retrospektiven, desgleichen in den USA. In diesen Ländern hat man erkannt, was die Position der Vasulkas ist: die Begründung des Mediums Video als Sprach- und Kunstform, so wie Georg Cantor der Begründer der Mengenlehre ist oder wie Alan Turing die Computerwissenschaft begründet hat. ][

Steina Vasulka :: Einige autobiographische Bemerkungen

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1995" veröffentlichten Aufsatz von Peter Weibel "Steina und Woody Vasulka: Meister des Codes" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, 1995)

«« MultiMediale 4



MultiMediale 4:
Steina und Woody Vasulka
Preisträger des Siemens Medienkunstpreises 1995

Foto: Meridel Rubinstein, Santa Fe
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie

© 2014 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe :: Impressum/Web Site Credits