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Siemens Medienkunstpreis 1995

Preisträger 1995 :: Peter Greenaway
Mit dem künstlerischen Hauptpreis würdigt die Jury sein spartenübergreifendes Schaffen als Maler, Autor, Ausstellungs- und Filmemacher

*_Gebannt oder gelangweilt sehen wir auf das Bild einer Pfeife von René Magritte, es ist eine wundervoll gerundete, plastisch ausgemalte Pfeife – und darunter steht der Satz "Ceci n’est pas une pipe", und immer wieder stutzen wir, denn warum soll das denn nun keine Pfeife sein, die wir doch eindeutig erkennen auf diesem Bild?

      [...] Dies als Vorspann für eine Laudatio auf Peter Greenaway – er führt in das zentrale Problem seiner Arbeit: seine Lust auf das Spiel mit den Realitätsebenen, seine List, diese Erkenntnisebenen miteinander zu verbinden, die Grenzen nicht nur aufzuheben, sondern deren Verknüpfungen selbst als Thema zu formulieren und zu gestalten: die Film-Bühne als Realität und das Museum bzw. die ganze Stadt als lebender Bilder-Film. So erscheint es selbstverständlich, daß er als traditioneller Bild-Künstler ausgebildet ist.

      Er studierte Anfang der 60er Jahre Malerei, er zeichnete immer viel, aquarellierte, collagierte. Seit 1966 komponierte er Filme, inszenierte Ausstellungen mit jeder Art von Bildmaterial für Museen oder mit der Stadt selbst, schrieb, illustrierte und gestaltete Bücher und erfand immer wieder neue Formen von filmischen Bild-Erzählungen auch nichtnarrativer Struktur. Es ist nicht übertrieben, wenn man das nunmehr fast drei Jahrzehnte umfassende Gesamtwerk von Peter Greenaway mit dieser für uns heute immer fast unfaßlichen, von ihm gelebten Einheit scheinbar völlig gegensätzlicher Haltungen umschreibt, eine Fülle, die auch in ihren umfassenden medialen Formen wohl einzigartig zu nennen ist:

· der wissenschaftlich-analytische Renaissance-Künstler mit
  unbändigem Drang der Durchdringung und Analyse;
· der vereinheitlichte, lust- und machtvolle Ansatz des Barock-
  Potentaten, der einem Spiel im Spiel selbst eine neue Gestalt
  gibt;
· der Überdruß einer sich erschöpfenden, endzeitlichen
  Gründerzeitstimmung eines Fin de Siecle;
· die raffinierte Ausnutzung aktuellster technischer
  Möglichkeiten, auch der Verbreitung seiner Gestaltvisionen in
  neuen medialen Formen wie Film, Video, Buch,
  Ausstellungen, die jeweils spezifische eigene Formen erhalten.

      Greenaway entfaltet auch in seinen (bisher sechs) Kunst-Ausstellungen seine lustvoll inszenierte und zugleich intellektuell präzis visuell vorgetragene Kritik an der Mediengesellschaft eindrucksvoll, vielleicht gerade, weil weil sie nicht mit dem Gesamtkunstwerk des Ton-Films und seinen Verführungskünsten in der schwarzen Höhle der Kinos arbeitet, sondern mit der statischen Form einer Museums-Ausstellung.

      Dies mag verblüffen, weil die Oppulenz der Greenaway-Filme, ihre perferkte Inszenierung von Bildermacht, Tonqualität mit all ihrer Verschiebung von Realitätsebenen die Betrachter machtvoll in den Bann zieht. Aber er betont immer wieder selbst die Faszination der eigenen, aktiven Möglichkeiten des Betrachters einer Ausstellung, die Nacherzählung der Zusammenhänge der Ausstellungsstücke zu erleben, d.h. diese selbst in einer offenen Folge jeweils individuell zu kombinieren – darin sieht Greenaway eine gleichberechtigte Chance, ja, die Faszination der Kunstausstellung im Museum gegenüber der geballten Macht des großen Kinos, die natürlich die Bilderfolge exakt vorgibt.

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1995" veröffentlichten Aufsatz von Wulf Herzogenrath "Peter Greenaway" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1995) ][

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