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Siemens Medienkunstpreis 1995

Preisträgerin 1995 :: Lynn Hershman
Die Jury würdigt ihre Aktivitäten in den Bereichen Aktions-, Konzept- und Medienkunst.

*_Ich teile mein Werk in zwei Kategorien auf: B.C. und A.D. oder Before Computers und After Digital. Ich beginne mit der ersten Kategorie meiner Arbeiten, die zufällig in B(erkeley), C(alifornia), stattfanden.

      Als ich in den 60er Jahren in Berkeley lebte, konnte ich durch meine offenen Fenster mit Lautsprechern verstärkte Reden von Helden/ Radikalen wie Malcolm X oder Huey Newton hören. Gemeinschaftsideale, Alternativen, neue formierte Medien, freie Rede und Bürgerrechte lagen in der Luft. In diesen lebhaften Jahren verschmolzen Kunst und Leben, während ich politische Performances in den Straßen, auf Märkten und in Bussen stattfanden sah und Zeugin von alternativen Lebensstilen wurde, die einst sprachlose Individuen emanzipieren und zu einer gemeinsamen Stärke kommen ließen.

      Diese Ära ging zu Ende, und eine andere begann mit dem Medienattentat auf John Kennedy. Im nationalen Fernsehen zuzuschauen, wie sein Gehirn weggeblasen wurde, erschien wie ein brutaler Verrat. Ich hoffte auf ein Medium, durch das auch kleine Stimmen und alternative Perspektiven gehört werden konnten. Dieser Hintergrund bildetet meinen ästhetischen Rahmen und ist seitdem für meine Arbeit fundamental.

      Immer wenn ich über meine Arbeit befragt werde, tröste ich mich mit Marcel Duchamps weiser Bemerkung, daß wir glücklich sein können, wenn wir während unseres Lebens drei Ideen haben. Die Ideen der letzten drei Jahrzehnte begannen mit kurzlebigen Erscheinungen in der ökologisch bewußten Zeit der 60er Jahre. Sie wollten etwas durcheinander bringen oder aufbrechen. Aber weil sie durch Photographien, Artefakte und geschriebene Spuren dokumentiert wurden, zerstörte man ihre zerbrechliche Lebenserwartung. In den meisten Aufzeichnungen tauchen immer wieder einleitende Bemerkungen auf, eine Stelle, an der sich beginnen läßt.

      Meine wichtigsten Ideen fielen mir immer auf dem Höhepunkt irgendeines Unglücks ein. 1972 lud mich beispielsweise das University Art Museum in Berkeley zu einer Ausstellung ein. In seinen Räumen gestaltete ich ein simuliertes Hotelzimmer und gebrauchte gefundene Materialien wie Blut, Blätter, Wachsfiguren und Tonbänder. Davon erschreckt, bat mich das Ausstellungspersonal, diese Arbeit durch traditionelle Bleistiftzeichnungen zu ersetzen. Als ich mich weigerte, schlossen sie vorzeitig meine Ausstellung mit der Begründung, daß Tonbänder nicht in eine Kunstausstellung gehörten.

      Enttäuscht ging ich die Berkeleys Telegraph Avenue hinunter, den Schauplatz der ersten Free-Speech-Demonstrationen. Ich bemerkte, daß die zuvor verglasten Fenster der Bank of America jetzt mit Ziegelsteinen zugemauert waren. Ich erinnerte mich an den Begeisterungstaumel, der ausbrach, als das Glas während einer Protestdemonstration ein Jahrzehnt zuvor zerschlagen wurde, und stellte fest, daß die Bank den Angriff auf kluge Weise in ihr Bild eingearbeitet hatte! In diesem Moment wurde mir klar, daß sich die Art der Szene, die ich ursprünglich für das Museum gemacht hatte, überall befinden könnte und daß sie vielleicht eine weitreichendere Wirkung ausüben würde, wenn man sie direkt in den Kontext einer Gemeinschaft plazierte. [...]"

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1995" veröffentlichten Aufsatz von Lynn Hershman "Einleitende Bemerkungen" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, 1995) ][

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