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Siemens Medienkunstpreis 1997

Preisträger 1997 :: Ingo Günther
Mit der Vergabe des Preises würdigt die Jury seine im Internet eindrucksvoll publizierten Ansichten von Gesellschaft und Politik, wie beispielsweise "World Processor" und "Refugee Republic".

*_[...] Im Jahre 1987 habe ihm eine auf Reisen gehende Freundin einen Globus zur Aufbewahrung gegeben, ganz so, wie man einen Freund bittet, auf den Hund aufzupassen, während man fort ist. Er habe sich in den Globus verliebt und ihn nie zurückgegeben.

      "World Processor" ist einer der schönsten Veröffentlichungen Ingo Günthers. Auf 116 zweisprachig (japanisch/englisch) gestalteten Seiten enthält sie 56 Globen aus der umfangreichen Sammlung des Künstlers, mit denen er seine Ansichten der Erde ins Bild rückt, die unsichtbaren Prozesse der Zivilisation und ihrer Folgen augenscheinlich macht. Auf tiefschwarz schimmerndem Grund gedruckt wirkt diese kleine Enzyklopädie von 56 globalen Zuständen und Verhältnissen wie eine aufregende Sammlung von Sternen im kosmischen Halo.

      Jeder Globus imaginiert ein eigenes Weltbild. Die Kriterien der Kartographie sind der Analyse und Recherche von Phänomenen abgewonnen, die unseren Planeten (in der Regel verdeckt für den gemeinen Blick) mitbestimmen: die Schuldenberge und ihre weltweite Verteilung, die Verbreitung von politischer Folter und Tötung, die Beherrschung des Globus durch die atomaren Gelüste der Großmächte (präzise Ökonomie der künstlerischen Arbeit: "Nuclear Desire" hieß eine riesige Installation mit 13 Monitoren, die Ingo Günther im Museum für zeitgenössische Kunst in Lyon 1987, in dem Jahr, als er sich den ersten Globus seiner Sammlung aneignete, aufbaute), aber auch Visualisierungen philosophischer Leitsätze wie des berühmten Anfangs aus Wittgensteins tractatus philosophicus:

      "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Der Bildseite gegenübergestellt, eher beiläufig am unteren Rand, sind markante faktologische Verweise, Kommentare, Quellenangaben für den Hintergrund der jeweiligen Erdball-Konstruktion. Aber auch aus dieser Regelmäßigkeit bricht Ingo Günther aus. Der Globus "Gold" zum Beispiel glänzt gravitätisch alleine ganz ohne verbalen Zusatz."...Materie ist Luxus. Luxus der Wenigen". [...]

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1997" veröffentlichen Aufsatz von Siegfried Zielinski "Ingo Günther" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1997) ][

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