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Siemens Medienkunstpreis 1997

Preisträger 1997 :: Peter Weibel
Mit der Vergabe des Preises würdigt die Jury seine konsequente interdisziplinäre Arbeit als Medientheoretiker, Kurator, Dichter, Aktionist, Rockmusiker und Hochschulprofessor und seine Beschäftigung mit Film und Videokunst seit den Anfängen der digitalen Bildverarbeitung Ende der 60er Jahre.

*_Zu den historischen öffentlichen Orten der Kunst wie Schloß und Kirche, Park und Platz, Museum und Villa haben sich Messe und Lobby, Zeitungen und Fernsehen, Bank und Internet als neue öffentliche Orte gesellt. Angesichts dieser Veränderung der Öffentlichkeit muß die Frage gestellt werden, inwieweit die Kunst ihre öffentliche Funktion geändert hat und was der Ort der elektronischen Medienkunst sein könnte. Hat sich die Medienkunst neue Freiräume erobert oder hat sie sich der gleichen Logik des Verfalls der Öffentlichkeit unterworfen, wie sie bereits 1962 Jürgen Habermas in seinem Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" diagnostiziert hat? Gemäß Habermas ist nämlich die Öffentlichkeit zu einem kommerziellen Marktplatz verkommen, gemäß Richard Sennett zu einer gefährlichen Tyrannei der Intimität. Gibt es überhaupt noch Orte? Ist nicht Ortlosigkeit das Kennzeichen der Telemedien?

      Gerade für die Medienkunst, deren öffentliche Orte ja hauptsächlich die neuen sind bzw. sein sollten, stellen sich diese Fragen besonders intensiv, weil im historischen Augenblick das Ende der Naivität in Bezug auf die Öffentlichkeit der Medienkunst zu konstatieren ist. Der Aufstand gegen die historischen Kunstformen ist durch die kommerzielle und museale Assimilation der Medienkunst beendet. Die digitale Version der Medienkunst hat sich insbesondere in der Fusion mit appropriierten Formen der historischen Medienkünste wie Film und Video als besonders erfolgreich erwiesen. Große Festivals, große Gruppenausstellungen zeigen heute wie selbstverständlich auch die Medienkunst. Die Phase der Ausgrenzung durch die historischen Kunstformen läuft langsam aus. Natürlich bleiben dabei einige Opfer auf der Strecke, wie der Avantgarde-Film oder frühe Videokunst.

      Aber grosso modo hat die Medienkunst die historischen Orte der Kunst wie Museum, Villa und auch Kirche erobert. Ob dies zum Nutzen oder zum Schaden der Medienkunst geschah, ist fraglich. Am Beispiel der Entwicklung der Videoskulptur historisch obsoleten Kategorien der Plastik wie z.B. der Anthropomorphie nachgab, umso mehr entsprach sie offensichtlich dem Geschmack der Kuratoren und der Kritiker, deren Kriterien ja an diesen obsoleten Kategorien ausgebildet worden waren. Als Beispiel nenne ich nur die anthropomorphen Videoskulpturen von Nam June Paik oder die unverblümten Annäherungen von Bill Viola an die Kategorien des Tafelbildes. Der Einzug der Videokunst in die Museen hat diese selbst musealisiert und sie ihres kritischen Potentials beraubt. [...]"

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1997" veröffentlichen Aufsatz von Peter Weibel "Medien und Metis. Zum Funktionswandel der elektronischen Medien in den 90er Jahren. 1.(Orte der Kunst und Ortlosigkeit der Medien)" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1997) ][

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