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Border Crossings :: Anmerkungen zu Machtstrukturen im Cyberspace
Ursula Frohne

-> Men can, in short, become gods (if not God). What need then for 'politics', understood as the power struggles of a materially straitened and socially dicided world? The frequently noted contempt for politics in utopian theory is the logical complement of its belief in perfectibility. ++
Krishan Kumar 1

-> Das Netz errichtet eine Kommunikationsgemeinschaft, der niemand entrinnen wird. ++
Peter Weibel 2


Dem Internet als globalem Medium wird allgemein das Potential zugebilligt, eine virtuelle Kommunikation auf universaler Ebene entstehen zu lassen. Es eröffnet Raum für hybride Diskurse, die ihrer Struktur nach dezentral, interaktiv, unbegrenzt, unhierarchisch, transmedial und interkulturell verlaufen; zugleich kann das Internet als profitunabhängiges System den Wissenstransfer innerhalb der Globalkultur erleichtern. Als einer seiner ersten Fürsprecher hat Nicholas Negroponte die griffige Formel "only connect" geprägt, die alle möglichen utopischen Einschätzungen hinsichtlich der Transformationspotentiale digitaler Medien und des Internet als neuer Kommunikationstechnologie zum Ausdruck bringt. Diese optimistische Rhetorik, die bis heute mit humanistischem Gedankengut und Ideen der Aufklärung kokettiert, ist zu einem Charakteristikum der Internet-Kultur geworden. Weltweit unterstellt man diesen zukunftsweisenden medialen Zusammenschlüssen via Internet, dass sie neue Foren politischer und kultureller Zusammenarbeit schaffen und öffentliche Diskurse ermöglichen, dass sie gewissermaßen per seneue Dynamiken und Strategien der Partizipation generieren, mit denen die Zivilgesellschaft die Handlungsfähigkeit ihrer Mitglieder erhöht und das Ideal der Gleichheit, jenseits sozialer, politischer, nationaler oder ideologischer Grenzen in einer kollektiven virtuellen Gemeinschaft im Cyberspace in greifbare Nähe rückt. Als Verfechterinnen solcher utopischen Visionen sei an Donna Haraway und Sadie Plant als zwei der artikuliertesten Stimmen im Chor der Netzwerk-OptimistInnen erinnert, die den imaginären Raum des Cyberspace als strategisches Forum einer sozialistisch-feministischen Kultur auffassen, als eine Sphäre, die von den Grenzen der Geschlechteridentität (gender) befreit, zur Erprobung alternativer Identitäsmodelle dient und sowohl technologische als auch menschliche Komponenten unter den Vorzeichen von Vergnügen (pleasure) und Deregulierung (confusion) herrschender Identitätsvorstellungen in neuen mobilen, polymorphen und experimentellen Simulationsmodellen miteinander kombiniert.3 Haraway und Plant begreifen die rhizomatischen Strukturen elektronischer Technologien und Medien theoretisch wie praktisch als spezifisch weibliche Arbeits- und Kommunikationsformen, die potentiell in der Lage sind, patriarchale Interessen durch strategische Interventionen zu unterlaufen und ein Netzwerk von hierarchiefreien Diskursen zu errichten, in denen sich Kommunikation und Interaktion konkret in der Bildung von Gemeinschaften außerhalb etablierter sozialer Ordnungen verwirklicht .4

Folgt man dagegen Saskia Sassens kritischen Überlegungen zur Entwicklung und den Attributen der digitalen Netzwerkkultur und deren globaler Expansionsbewegung, so wird deutlich, daß sich Vorstellungen von den subversiven Funktionen des Internet aus der frühen Phase dieses neuen Mediums stammen, in der die Praktiken einer freibeuterischen Hacker-Kultur die Diskussionen um die damals noch unerkannten und relativ unausgeschöpften Nutzungsmöglichkeiten anführten, indem ihre anonymen Protagonisten beispielsweise für eine radikale Dezentralisierung des Mediums eintraten und tatsächlich Software-Programme entwickelten, die den freien Netzzugang der User garantierten.5 Das revolutionäre Pathos, mit dem der Cyberspace zum Inbegriff einer neuen Ära der Dezentralisierung von Macht und globalen Demokratisierung erhoben wird, ist heute jedoch in seiner ungebrochenen Affirmationshaltung nicht mehr zeitgemäß, sondern entpuppt sich als eine nostalgische Zukunftsprojektion, die davon profitiert, das mit Blick auf das technische Dispositiv der multilokalen Vernetzbarkeit die sozial-politischen Voraussetzungen nachhaltig ausgeblendet werden. Die heutige Realität sieht anders aus und steht in deutlichem Kontrast zu den Pioniertaten an der noch offenen new frontier, die der Cyberspace zu Beginn der neunziger Jahre darstellte: Zunehmend ähnelt das Netz einem Schlachtfeld konfligierender Machtinteressen und massiver Segmentierungsbemühungen durch die Telekommunikationsindustrie. Sassens Beobachtungen der Entwicklung der Netzwerke bestätigen, "dass der elektronische Raum nicht nur ein Kommunikationsmittel darstellt, sondern auch zum zentralen Schauplatz der Kapitalakkumulation und der Kapitaleinsätze des globalen Marktes geworden ist".6 Insofern erweist sich der Cyberspace als Projektionsfläche für Vorstellungen von einem universellen grenzenlosen Raum der "romantischen Flucht vor Unterdrückung und Armut",7 der de facto aber ein ökonomisch begehrtes Territorium darstellt, das unter der Übermacht der hierarchisierenden Interessen der Konzerne eine Umwälzung seiner charakteristischen Strukturen innerhalb nur weniger Jahre erfahren hat. Eine kritische Analyse dieser Vereinnahmungstendenzen als Folge rivalisierender Marktinteressen, die auf der Seite der Anbieter immer aggressiver verfolgt werden, indem sie durch den kostenfreien Zugang zum Internet Abhängigkeiten auf der Nutzerseite schaffen und hierdurch noch effizienter die Kontrolle, Privatisierung und Kommerzialisierung vorantreiben, läßt keinen Zweifel daran, daß die virtuellen Bedingungen im Netzraum zunehmend von realen kapitalistischen Interessen eingeholt und diesen bedingungslos unterworfen werden .8

Dennoch haben sich unter den NetzbenutzerInnen innerhalb wie außerhalb der kulturellen Arena utopische, man möchte fast sagen mythische Projektionen fest etabliert. Diese Projektionen tendieren dazu, die sozialen, historischen, politischen und ethischen Implikationen zu ignorieren, die mit der Eigenbedeutung des Wortes Interkonnektivität[connectivity] einhergehen, einschließlich seiner machtvollen Suggestion von integrativer, interaktiver und kommunikativer Effizienz. In ähnlich kritischer Perspektive wie Sassen formuliert Olu Oguibe, dass sich "die Realität wie auch die Grundlagen der Vernetzbarkeit [connectivity] subtiler und komplizierter" darstellen.9 Sie tragen bei zum Entstehen einer "digitalen Grenze" zwischen "denjenigen, die zum Netzwerk gehören und von dessen zahllosen Vorteilen profitieren, und denen, die die Voraussetzungen der Vernetzbarkeit nicht erfüllen". Abgesehen von einem verläßlichen Telekommunikationssystem sowie ökonomischen und politischen Grundvoraussetzungen für Computerarbeit und Netzverbindung, gibt es weitere Faktoren, die das Privileg der Partizipation im Sinne einer sozialen und kulturellen Disposition kennzeichnen. Als ein im Gegensatz zu Radio oder Fernsehen weitgehend sprach- und textabhängiges Medium erfordert das Internet ein gewisses Maß an Lese- und Schreibkenntnissen. Zudem ist Englisch die dominierende Kommunikationssprache im Internet. Die Nutzer der virtuellen Nachbarschaften sind ohne diese Übersetzungsleistung im "Online-Universum" (Weibel) verloren. Der shared cyberspace verwirklicht sich in seiner Vielfalt der angeschlossenen Nutzer weiterhin in erster Linie über eine sprachlich kodierte Konvention, die sich über den englischen Sprachgebrauch im Netz durchgesetzt hat. Der Einstieg in den Cyberspace erfordert schließlich auch ein gewisses Maß an technologischen Kenntnissen, die nicht allein in wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten, sondern auch in den hochindustrialisierten Ländern der Welt nicht unbedingt selbstverständlich sind, da eine Vielzahl von Menschen aufgrund ihrer psychologischen Disposition, ihres Alters oder ihrer Klassenzugehörigkeit mit nur geringer Wahrscheinlichkeit Anschluss an die Netzkultur findet. Erkennt man das Bestehen dieser digitalen Grenzean, dann wird auch deutlich, dass wir mit jedem Einwählen Teil eines "neuen Ethnoscape werden, identisch mit dem Bereich, den man als Netscape oder Cyberspace bezeichnet. Hier zirkulieren Informationen und Individuen und verbinden sich zu einer virtuellen Gemeinschaft. In dem Maße allerdings, wie sich diese Gemeinschaft ausbreitet und an Bedeutung gewinnt, sind wir effektiv an der Marginalisierung derjenigen beteiligt, die jenseits dieser Grenzen existieren".10 So sehr das Netz eine Matrix der Vernetztheit beziehungsweise ihrer kulturellen Konsequenzen bildet und als heiliger Korridor gehandelt wird, durch den sich immer mehr TeilnehmerInnen zu scheinbar grenzenlosen Freiheiten aufmachen, so sehr entpuppt sich die soziale Wirklichkeit als blinder Fleck der Netzgemeinschaft. Um sich diese Realität des globalen Sozialgefälles innerhalb der Topographie des E-Raumeskonkret vor Augen zu führen, bedarf es nicht unbedingt einer Exkursion in die ökonomisch weniger entwickelten Gebiete Asien, Lateinamerika oder Afrika. Daß diese Cyber-Segmentierung ganz konkrete Analogien der räumlichen und sozialen Ungleichheit im realen Lebensraum unserer westlichen Kultur aufweist, zeigt ein Blick auf die Verteilung der technologischen Ressourcen in den hochentwickelten Metropolen der USA: Obwohl New York die höchste Konzentration von Glasfaserverkabelung hat, gibt es in Harlem nur ein Haus mit dieser Infrastruktur während in South Central Los Angeles kein einziges verkabeltes Gebäude existiert.11 Schließlich verursacht diese Wirklichkeit den technologischen und symbolischen Ausschlusses all jener, die an der machtvollen, globalen Maschinerie, in der Marshal McLuhan ein "vereintes globales Feld der Aufmerksamkeit" erkennen wollte, nicht teilhaben. Ein globales soziales System und Artikulationsforum wie das Netz mobilisiert auf seiten derjenigen, die es repräsentiert, enorme Potentiale, während die AußenseiterInnen nahzu unsichtbar und ungehört bleiben. Sie bewohnen, wie es Terry Harpold in seiner scharfsinnigen Critique of Internet Metageographies 12 nennt, die "dunklen Kontinente" unserer digitalisierten Kultur, wobei Harpold auf eine Trope aus der Zeit der Kolonialmächte zurückgreift, die Joseph Conrads Heart of Darknessentnommen ist. Kartografien sind in Harpolds Analyse niemals "bloß abbildend", sondern auch "heuristisch, manipulativ und hegemonial [...], indem sie die Streuungen der materiellen Kultur in die säuberlichen Effizienz des digitalen Samples kleiden". Die Animationen im Internetverkehr und in den elektronischen Informationsströmen zwischen fünfzig Ländern, auf die er sich bezieht (über das NFSNET/ANSnet für die Dauer von zwei Stunden in der ersten Februarwoche 1993), sind "kartografische Repräsentationen des Internet und zugleich erste Schritte zu einer Kritik des gegenläufigen Verhältnisses zwischen den Techniken wissenschaftlicher Visualisierung und der Verdunkelung politischer und ökonomischer Formationen". Nach Harpold sind die "Repräsentationen von Netzwerkaktivitäten in verdeckte, aber Schaden verursachende metageographische Zeichensysteme eingebettet. Diese übertragen das geographisches Wissen in visuelle Schemata, die zunächst harmlos erscheinen, die aber auf historisch-kontingenten und politisch gefärbten Verzerrungen der ihnen zugrundeliegenden materiellen Voraussetzungen basieren. "13

Diese Analyse der 'blinden Flecken der Kartografie' könnte ebenso buchstäblich wie symbolisch Licht auf einige Aspekte der 'Dunkelheit' im Wertesystem der Netzwerkkultur werfen. Indem man darauf hinweist, wie einheitlich und beinahe konturlos die nicht-vernetzten Nationen erscheinen, wird ihre 'Dunkelheit' erkennbar. "Die in solchen Bildern vorgenommenen Verknüpfungen einer Tropologie von Anwesenheit/Abwesenheit oder Fülle/Leere mit konventionellen Signifikanten, die auf Regionen und Nationen verweisen, gibt der Netzwerkaktivität einen Sinn, der über die bloße (visuelle) Registrierung von Orten und Namen hinausreicht. Im Hinblick auf ihre verdrängten politischen Wertigkeiten beziehen sich diese Bilder (und kulturellen Praktiken) der vernetzten Welt (d.h. der zumeist nicht vernetzten Welt) [...] auf (visuelle) Diskurse über Identität und negierte Identität, die Erinnerungen wachrufen an die europäischen Weltkarten von vor hundert Jahren mit ihren kolonialisierten oder zu kolonialisierenden Räumen".14

Diese Problematik bringt uns zurück auf die eingangs gestellte Frage nach den ideologischen Bedingungen des Cyberspace, der mit der utopischen Verheißung von 'ein Netzwerk, eine Welt' wirbt. In der digitalen Kultur des World Wide Web sind weder Subjektivität noch die Notwendigkeit physischer 'Verortung' obsolet geworden. Dem kritischen kunst/theoretischen Projekt Old Boys Networkzufolge, stellt die virtuelle Realität keine andere Realität dar, in der die hegemonialen und hierarchischen Verhältnisse außer Kraft gesetzt sind. In dem Maße, wie KünstlerInnen mit hybriden Methoden arbeiten, die ortsspezifisch, flüchtig und an alternative Räume wie das Internet gebunden sind, greifen sie Strategien der 60er und 70er Jahre auf, mit denen der bestimmende Einfluss des physischen Raumes auf das Kunstwerk zurückgedrängt wurde. Mit ephemeren künstlerischen Praktiken wie Happening, Performances oder Interventionen im öffentlichen Raum bis hin zur Videokunst haben wichtige Tendenzen der Nachmoderne kritisch auf die hierarchischen Strukturen des Kunstmarktes und der –institutionen reagiert und in ein System offener Handlungsfelder überführt, die sich dennoch weiterhin auf die Vermittlungsleistung der bewährten Instanzen in Betriebssystem Kunst beziehen. Somit sind weder der geschmähte white cubeder Galerie, noch der digitale Raum neutral, sondern jeweils gesellschaftlich und ideologisch definiert. Keiner von beiden erfordert oder impliziert einen politischen Gebrauch. Ebenso gilt, daß im digitalen Kunstraum oder im Umgang mit elektronischen Medien Hierarchien genauso leicht entstehen können wie im traditionellen Galerieraum. Mit Peter Weibels Ausstellung net_condition,die Ende 1999 im ZKM Karlsruhe erstmalig künstlerische Internetprojekte im institutionellen Kontext eines Museums präsentierte, hat jenseits der ästhetischen Kriterien, die diese neue Kunstform kennzeichnen, versucht, vor allem auch die sozialen, politischen und ökonomischen Implikationen einer telematisch geformten Gemeinschaft unter den "Bedingungen des Netzes" durch "Online-Präsenz und Partizipation innerhalb eines Museumsraumes zu artikulieren."15 Der elektronische Raum ist seiner Definition nach nicht neutral, sondern gesellschaftlich bestimmt. Neue Technologien sind weder von Hause aus reaktionär noch handelt es sich bei ihnen um bereits realisierte soziopolitische Utopien. Andererseits muß zugestanden werden, daß das Internet zu einem intensiv genutzten Handlungsmedium der Zivilgesellschaft geworden ist, in dem sich Widerstand gegen autoritäre Machtstrukturen formiert und als pluralistisches Forum ganz unterschiedlicher Strömungen und Meinungen zu subversiven und alternativen Verwendungen sowie für die Erweiterung subjektiver Handlungsfähigkeit des Individuums intensiv genutzt wird. Daß hierbei radikale Gruppierungen sämtlicher politischer Couleur die Fülle von Möglichkeiten, bei der strategischen Organisation ihrer kollektiven Interessen ausschöpfen und, wie Slavoj Zizek bemerkt hat, in Diskussionsforen und chat groups eine Art Tribalisierung von Partikularinteressen bewirken, die der Segmentierung sozialer Bindungen und der ideologischen Aufspaltung in Linke, Rechte, Radikale, Plauderer, Cyberpunks etc. Vorschub leistet, liegt in der pluralistischen Natur des Mediums begründet. Für Dissidenten totalitärer Regimes hat sich der Cyberspace allerdings als ein praktikabler Zufluchtsort der Meinungsäußerung bewährt, auch wenn die politischen Machthaber mittlerweile Netzbetreiber unter Druck setzen können, Websites verbieten und auch die Anonymität der Nutzer im Internet nicht mehr gewahrt ist, wie sich am Beispiel der zunehmenden Zensurmaßnahmen im chinesischen Cyberspace zeigt.16 Wenn es gelingen soll eine differenzierte und auch kritische Sicht auf die Entwicklungen der globalen Netzkulturen zu gewinnen, reicht es folglich nicht aus, nur "darüber zu lamentieren, dass kein Zugang vorhanden ist",17 wie die Theoretikerin und Videokünstlerin Ursula Biemann im Zusammenhang mit ihrer jüngsten Videoproduktion Writing Desire(2000) bemerkt. Nachdem sie bei ihren Recherchen in Südostasien erlebt hat, dass sämtliche urbanen Räume über Internetcafés verfügen, in denen sich die jungen Leute als selbstverständliche User dieses Mediums um die Computerterminals scharen, stellt Biemann fest, daß das Netz in den Regionen der ökonomisch weniger entwickelten Länder nicht unbedingt völlig unzugänglich ist, sondern daß es in anderer Weise benutzt wird. Ein ähnliches Interesse an den gesellschaftlichen Veränderungen in den postkolonialen Kulturen infolge der digitalen Revolution, das Biemann in ihrem früheren Video Performing the Border(1999) verfolgte, motiviert ihre Studie über Websites, die einen neuen globalen Markt für sexuelle Dienstleistungen bedienen. Hier werden Frauen zum Zweck der Korrespondenz, Freundschaft oder Heirat beworben. Asien, Rußland und die osteuropäischen Länder dominieren das Angebot dieser elektronischen Börse, einer neuen Variante des sexual trafficing.Obwohl Biemanns kritische Betrachtung die "skrupellosen Kommerzialisierung des weiblichen Körpers" durch das Netz im Auge behält, registriert sie doch auch die Ambivalenz der (ökonomischen) Situation, die Frauen dazu bringt, sich mit der Hoffnung auf eine ‚gute Partie‘ auf diese Weise zu exponieren. "Dank der neuen Möglichkeiten von net.casting mit Videoclips", so Biemann, "hat der Brautmarkt nämlich auch eine lichtere Seite", indem Frauen mit diesem Kommunikationsmittel die Chance ergreifen, "ihr Begehren zum Ausdruck zu bringen". So wird als positives Beispiel die Künstlerin Maris Bustamente im Video vorgestellt, die vom lokalen Machismo in Mexiko City derart angeödet war, daß sie über das Internet einen Partner suchte und so ihren amerikanischen Ehemann fand. "Für sie war das ein Weg, eine neue Art von Beziehung anzuknüpfen und ihr Begehren im wirklichen Leben auszuleben", obwohl ihr vom unmittelbaren kulturellen Umfeld die strengen Grenzen festgeschriebener Geschlechterrollen aufoktruiert wurden. Wenn Ursula Biemann resümiert, daß "das Internet verschiedene Subjektivitäten in den Industrie- und Entwicklungsländern schafft", so besteht hierüber insofern Konsens, als daß die jeweiligen kulturellen und sozialen Voraussetzungen, unter deren Vorzeichen das Internet genutzt wird, einer kontextuellen Interpretation bedürfen, solange diejenigen, die ihre Körper im Internet anbieten, aus den postkolonialen Regionen der Welt stammen, während diejenigen, die sich aus diesem Angebot bedienen, in den westlichen Industrienationen residieren.

Wie Andy Warhol schon vor langem erkannte, macht Kaufen mehr Spaß als Nachdenken. Inzwischen wissen wir auch, dass mit der Verfolgung kommerzieller Interessen ein ständiges Ausspähen von Ressourcen verbunden ist, die man ausbeuten kann. Die standardisierte Distribution von Ausbildung und Wissen über das Internet nimmt global exponentiell zu. Daher stellt sich die Frage: Ist das World Wide Web (das tatsächlich nicht die Welt umfaßt, sondern bloß eine Seite dieser Welt zeigt, die elektronische Seite der Ersten Welt) ein machtvolles Instrument im Dienst bewußt oder unbewußt verfolgter kolonialer Strategien? Um Missverständnisse auszuschließen, sei gesagt, dass das Internet hier nicht als neues Kolonialregime verstanden wird. Doch es erzeugt – strukturelle – Einschlüsse und Ausschlüsse (weniger virtueller als realer Natur, im Sinne sozialer und politischer Wirksamkeit), die sich aus einer Weltgeschichte der Kolonialisierung und der von ökonomischen Interessen gelenkten Globalisierung nicht abkoppeln läßt. Die Kunst ebenso wie die westlichen Religionen haben entscheidenden Anteil an dieser Geschichte. Grenzüberschreitungen im Rahmen des Internet untermauern folglich unter Umständen die Grenzen zwischen den Teilen der Welt, in denen der Zugang zu elektronischen Medien alltäglich geworden ist, und den Teilen (wie weltweit sich das Netz auch verstehen mag), wo die kulturellen, infrastrukturellen und ökonomischen Voraussetzungen noch nicht gegeben sind. In diesen ökonomisch benachteiligten Regionen macht sich die technologische Revolution auf ganz andere Weise, wenngleich nicht weniger nachhaltig als in den Industrienationen bemerkbar, wie Ursula Biemann in ihrem Videoessay Performing the Bordereindrücklich vor Augen führt. So konzentriert sich die Produktion der Maschinen, die den Cyberspace erst möglich machen in den mexikanischen Grenzorten entlang des Rio Grande, gegenüber der amerikanischen Stadt El Paso. In diesen Maquiladoras, den Goldenen Mühlen,arbeiten vor allem junge Frauen, die zu hunderten aus den ländlichen Regionen an die Fließbänder der High-Tech-Industrie dieser amerikanischer Konzerne strömen, unter extremen Bedingungen. Während die arbeitsintensiven Betriebe auf der mexikanischen Seite angesiedelt sind, befinden sich die kapitalintensiven Zweige der Kommunikationsindustrie jenseits der Grenze, auf amerikanischem Boden. Biemanns Video setzt sich mit den existentiellen Aspekten der Grenze als ein metaphorischer und konkreter Ort der Ausbeutung und der Hochtechnologie auseinander. Die Grenze bestimmt das Leben der Frauen in dieser Region, die unter den Bedingungen der Massenbeschäftigung einen radikalen Wandel der Sozialstrukturen erlitten und Auswirkungen auf Identität, Sexualität und eine zunehmende Gewaltbereitschaft gegen Frauen in einem Land hat, in denen die Machtverhältnisse traditionell entlang der geschlechtlichen Unterschiede definiert sind.18 Im Kontext der neuen internationalen Arbeitsteilung formiert sich eine "Technologie der Geschlechter" (Teresa de Lauretis), die einsteht für "die ständige Rekonstruktion der Unterschiede zwischen den Geschlechtern, für die Konsolidierung der Macht, Subjektivität und Identität in einer Welt der Cyborgs."19

Von diesen nur fragmentarischen Überlegungen ausgehend, bleiben auch künftig eine Reihe von Fragen zur Politik der neuen Medien und ihre kulturelle Umwälzungsdynamik relevant: Ermöglicht die technische Mobilität, wie sie die neuen Medien aufweisen und vertreten, eine Emanzipation der Körper- und Sprachpolitiken, die das Postulat der Grenzüberschreitung glaubwürdig erscheinen lassen? Oder schließen die utopischen Konzepte von virtueller Realität und Cyberspace in der Praxis bestimmte Gruppen realer Körper und Sprachen aus, wodurch sie unausweichlich zur politischen und kulturellen Fragmentierung beitragen? Kann man die Beschränkungen eines, wie gehabt, unkritischen Konzepts von Virtualität zugunsten der künftigen Chancen des Mediengebrauchs vergessen? Wie intensivieren sich herkömmliche Ausschlußpraktiken nochmals durch die "Verschlüsselung des Informationsflusses als eigentliche Quelle des Kapitals",20 entgegen einer Ideologie des ideellen ‚Mehrwertes‘, der im demokratischen Potential des Internets steckt und wer sind die konkret Ausgeschlossenen dieser kryptografisch stabilisierten virtuellen Gemeinschaften? Läßt sich die gegenwärtige Entwicklung nicht einfach auch als Teil einer Globalisierungsbewegung deuten, die ihrem Wesen nach nicht mehr ist als eine andere Spielart der Verwestlichung der Welt und damit eine neue Form der Kolonialisierung? Zumindest die Rhetorik des Cyberspace täuscht darüber hinweg, dass hier neue Eigentums- und Machtverhältnisse etabliert werden, die um und zwischen Kulturen neue Grenzziehungen vornehmen. Sie sind nicht einfach nur eine Angelegenheit des virtuellen Raumes, sondern manifestieren sich in zunehmendem Maße auch im wirklichen Raum.

* Eine kürzere Fassung dieses Beitrages wurde als Einführung der von Ursula Frohne und Christian Katti geleiteten Sektion "Crossing Boundaries in Cyberspace? The 'Politics of 'Body' and 'Language' Since the Emergence of 'New Media'" auf der CAA (College Art Association) in New York, Februar 2000 von der Autorin vorgetragen.
** Mein Dank gilt Roger Buergel, der die Übersetzung mancher Passagen aus dem Englischen übernommen hat.

1 Krishan Kumar: Utopianism. Milton Keynes 1991, S. 29. ^
2 Peter Weibel in seinem Vortrag anläßlich des internationalen Symposiums Wie wird Künstlichkeit wirklich?, MedienRaum Luxemburg, 22-23. September 2000. ^
3 Siehe Donna Haraway: A manifesto for cyborgs: science, technology, and socialist feminism in the 1980s. In Socialist Review, 80, 1985, S. 66-67. ^
4 Vgl. Sadie Plant: Beyond the screens: film cyberpunk and cyberfeminism. In: Variant, 14, 1993, S. 16; zitiert auch bei Kevin Robins: Into the Image. London und New York 1996, S. 91. ^
5 In diesem Zusammenhang sei auch verwiesen auf den Künstler Paul Garrin, der in New York Ende der 90er Jahre in einem durch mehrere Instanzen geführten Prozeß vergeblich versucht hat, die Freigabe der User-Domains gegen die kommerziellen Interessen der Provider durchzusetzen. ^
6 Vgl. Saskia Sassen: Digitale Netzwerke und Macht. In: Globalisierung und Demokratie. Hrsg. von Hauke Brunkhorst und Matthias Kettner. Frankfurt am Main 2000, S. 330-346, hier S. 330.^
7 Vgl. ebd., S. 338. ^
8 Vgl. ebd., S. 339. ^
9 Siebe Olu Oguibe: Connectivity, and the Fate of the Unconnected. In der elektronischen Zeitschrift Telepolis, 7, Dezember 1999 oder http://www.heise.de/tp/english/inhalt/co/6551/1.html. ^
10 Siehe ebd. ^
11 Vgl. Sassen 2000 (wie Anm. 6), S. 334. ^
12 Siehe Terry Harpold: Dark Continents: A critique of Internet Metageographies. In der elektronischen Zeitschrift Postmodern Culture, 9, 2, Januar 1999 oder http://www.iath.virginia.edu/pmc/text-only/issue.199/9.2harpold.txt. ^
13 Ebd. ^
14 Ebd. ^
15 Vgl. Peter Weibel: Kunst/Politik im Online-Universum. In Peter Weibel: net-condition. Broschüre zur gleichnamigen Ausstellung, ZKM | Karlsruhe 1999, S. 4. Siehe auch net_condition. Ausst.-Kat. ZKM | Karlsruhe. Hrsg. von Peter Weibel und Timothy Druckrey. Cambridge, Mass., 2001. ^
16 Vgl. Seit mehreren Monaten machen sich in China massive Maßnahmen gegen dissidentische Veröffentlichungen im Internet bemerkbar. Trotz Pseudonymen, mit denen sich die Teilnehmer dieser Internetforen zu schützen versuchen, ist es angeblich ein Kinderspiel für die chinesischen Sicherheitskräfte, der Identität der Beteiligten auf die Spur zu kommen. Da Beiträge im Internet von der chinesischen Zensur blitzschnell gelöscht werden, wenden die Nutzer eine List an, ihre Meinungen trotzdem publik zu machen, indem sie in langen, sarkastischen Titeln, die sich nicht so leicht löschen lassen, wie der Inhalt der Beiträge, ihre dissidentischen Botschaften kundtun. Siehe Shi Ming: Mein Beitrag lebt hier nicht mehr, Äsop modernisiert sich: Die Dissidenten im chinesischen Cyberspace erfinden eine Sprache. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 214, 14. September 2000, S. 55. Zur alternativen Nutzung des Internets siehe auch: Annabelle Sreberny: Feministischer Internationalismus: Zur Imagination und Konstruktion globaler Zivilgesellschaft. In: Globalisierung und Demokratie. Hrsg. von Hauke Brunkhorst und Matthias Kettner. Frankfurt am Main 2000, S.289-309. Zur Netzwerkkultur allgemein siehe Cultures of Internet, Virtual Spaces, Real Histories, Living Bodies. Hrsg. von Rob Shields. London, Thousand Oaks, Neu Delhi 1998 [1996]. ^
17 Ursula Biemann: Writing Desire, 2000. Manuskript zur gleichnamigen Videoarbeit der Künstlerin. Siehe auch been there and back to nowhere, Geschlecht in transnationalen Orten, Gender in transnational spaces, postproduction documents 1988-2000, Hrsg. von Ursula Biemann. Berlin 2000. ^
18 Ursula Biemann untersucht in ihrem Video eine Mordserie in dieser mexikanischen Grenzregion, der mehr als 160 Frauen, gefoltert, vergewaltigt, erstochen und erwürgt, zum Opfer fielen, ohne daß ernsthafte Bemühungen zur Lösung dieser Fälle von offizieller Seite unternommen wurden. Sie interpretiert diese Gewaltexzesse als Ergebnis der drastisch veränderten Beziehungsmuster unter den Bedingungen der hochgradig beschleunigten Industrialisierung. Siehe hierzu Ursula Biemann: Performing the Boder, 1999, 42 Minuten. In: video cult/ures (deutsch-englische Ausgabe). Hrsg. von Ursula Frohne. Ausst. Kat. Museum für Neue Kunst | ZKM Karlsruhe 1999, S. 140-144, hier S. 144. ^
19 Vgl. Biemann 1999, S. 144. Biemann bezieht sich hier auf Yvonne Volkart. Kriegszonen: Körper, Identitäten und Weiblichkeit in der High Tech Industrie. In: springerin, V, S, Juni-August 1999, S. 40-42. ^
20 Peter Weibel 1999 (wie Anm.15), S. 4/5. ^

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Halbjahreszeitschrift Frauen Kunst Wissenschaft, Heft 30 Dezember 2000.

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