\\ internationaler medien\kunstpreis 2000 :: Aspekte künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema »Urbanismus«/ V

Reissbrettplanung zeichnet viele urbane Utopien früherer Jahrhunderte aus. Die Landkarte und die Kunst der Kartografie ist das zentrale Tool gewesen, eng verbunden mit Aktionen der Eroberung, Vermessung und Beherrschung neuer Territorien. Im noch unkartografierten Raum des Internets haben Künstler bereits Mitte der 90er Jahre ganz neue Plattformen für virtuelle Gemeinschaften geschaffen, so z.B. die Internationale Stadt Berlin oder die Digitale Stadt Amsterdam.
    Ob nun geografisches Territorium oder Netzplattform, zur exakten Positionsbestimmung gehört gleichermassen die Kunst der Navigation. Die Erschliessung aber auch die Option auf andere, neue Formen der Navigation gerade in bezug auf die sich scheinbar jeder Kartographierung entziehenden virtuellen Räume zu erforschen, versuchen nicht nur Cybergeographen, sondern auch Multimedia-Künstler wie Tom Corby/Gavin Baily, die sich mit ihrer Netzarbeit auch durch den Titel »reconnoitre« auf Aufklärung im geheimdienstlichen oder militärischen Kontext beziehen. Demgegenüber steht der alltäglichen Kampf um Orientierung in der Unübersichtlichkeit der Metropolen, deren Psychogeografie Markéta Banková oder Jody Zellen erforschen. Eine Reihe anderer multimedialer Projekte versuchen ebenfalls die visuelle, akustische und experimentelle Vermessung einer gegebenen urbanen Ära [ Cida de Aragão, Heiko Daxl und andere]. Das Urbane auch als Folie zu lesen, als archäologisches Feld für offene Geschichten oder ungewöhnliche narrative Szenarien siehe z.B. das Netzfundbüro von Adèle Prince - kann sowohl mit Quicktime VR [ Tim Etchells/ Hugo Glendinning] wie mit gerade in Frankreich populären Anleihen beim Comic realisiert werden [ Frédérique Manceau/Alexandre Cribelier]. Es handelt sich dabei um die Ausfransungen des Themas Urbanismus, die nur indirekt über Effekte und Intensitäten Einblicke und Daten zur Stadt unter den Bedingungen der Informations-Technologie liefern.

    Alle interaktiven wie auch installativen Nominierungen können in der Regel nur als Dokumentation, die von den Künstlern selbst oder vom SWR in Zusammenarbeit mit ihnen realisiert worden ist, im Fernsehen dargestellt werden. Den komplexen individuellen Rauminstallationen und Interaktionsmöglichkeiten gerecht zu werden, ist sicher nicht einfach, aber auch eine Herausforderung für die Zukunft des Fernsehens. Hier Konvergenzen zwischen den Medien zu schaffen, ist eines der Anliegen der Veranstalter.

Text : Rudolf Frieling