Physical Modelling
Pierre Dutilleux
ZKM | Institut für Musik und Akustik
Januar 1994
Einleitung
Die Physical-Model Synthesis ist ein Synthese-Verfahren,
das den Musikern immer häufiger und mehr angeboten werden wird. Wir
werden hier versuchen zu erklären, wie die Modelle erfunden wurden
und wie sie zum Einsatz kommen und auch schon gekommen sind.
Die Synthesizer-Programmierer streben nach Klängen,
die das Ohr ansprechen und anregen. Die meisten Synthesizer arbeiten entweder
nach dem Prinzip der algorithmischen Synthese oder dem des Samplings. Durch
die algorithmische Synthese gewinnt man geheimnisvolle Klänge, die
das Ohr oft überraschen. Durch Sampling erhält man naturgetreue
Klänge, die aber etwas an Ausdrucksmöglichkeiten vermissen lassen.
Wie kann man noch näher an den Wunsch des Ohres herankommen? Die ökologische
Theorie der Entwicklung der Wahrnehmungs-Sinne meint, daß das Ohr
immer versucht, die Herkunft der Klänge zu bestimmen; es möchte
die Klänge klassifieren können, z.B. nach Produktionsprinzip:
Schlag-, Streich-, Blas-Instrument usw. In diesem Sinne bringt die Physical-Model
Synthesis ein Verfahren, das die Erwartungen des Ohres am besten erfüllen,
bzw. täuschen kann. Physical-Model Synthesis hat mehrere Vorteile:
Es ist ansprechend wie Sampling, kann so effizient sein wie algorithmische
Synthese, und dazu neue Ausdrucksmöglichkeiten bringen.
Viele Naturwissenschaftler und Komponisten gestalten
physikalische Modelle für künstlerische Anwendungen. Um den Klang
eines Musikinstruments zu simulieren, sind mehrere Verfahren denkbar:
- Simulation sämtlicher mechanischer Eigenschaften;
- Simulation der Schwingungen;
- Simulation des klanglichen Ergebnisses.
Der Vorteil der beiden ersten Verfahren ist, daß
sie über das Musikinstrument ein grundlegendes Kenntnis verleihen
und wunderschöne Klänge liefern können. Sie sind aber oft
sehr aufwendig. Das letzte Verfahren strebt mehr nach Effizienz, um Modelle
zu schaffen, die den Einsatz in Echtzeit ermöglichen. Eine grundliegende
Arbeit für dieses Verfahren wurde von McIntyre et al. geliefert.
Diese Akustiker haben mehrere Instrumente untersucht und ein allgemeines
Modell vorgestellt, um an einer Saite oder einem Rohrblatt oder einem Rohr
zu simulieren, wie Schwingungen enstehen. Sie haben gezeigt, daß
Erreger (Bogen, Luftstrom etc.) und schwingender Körper (Saite, Rohrblatt
etc.) nichtlinear zusammenwirken.
Unabhängig von dieser Arbeit hatten Kevin Karplus
und Alex Strong einen Algorithmus erfunden zur effizienten Simulation der
Saitenklänge. David Jaffe und Julius O. Smith haben die Prinzipien,
die damals vorgestellt worden sind weiter entwickelt und musikalisch eingesetzt.
Anhand des Beispiels der Klarinette werden wir den
Aufbau und die Funktionsweise eines solchen Modells beschreiben.
Ein Modell der Klarinette
Das Modell ist dreiteilig: Mundstück, Rohr und
Schallstück. Das Mundstück erzeugt das Signal, die Tonhöhe
wird vom Rohr bestimmt und der Klang wird durch das Schallstück freigestzt
(Bild 1.)

Bild 1: Ein Modell der Klarinette
Vorwärts und Rückwärts im Rohr
In dem Rohr werden die Klänge übertragen.
Das Rohr lässt aber nicht alle Frequenzen passieren. Es verstärkt
bestimmte Töne, andere können sich im Rohr nicht entwickeln.
Um das Verhalten des Rohres zu erklären, können wir den Schalldruck
p(t) in 2 Teile p+(t) und p-(t)
beschreiben. Der Teil p+(t) steht für die Schallwelle,
die vom Mundstück zum Schallstück läuft, der Teil p-(t)
steht für die Schallwelle, die vom Schallstück zur Mundstück
zurück läuft. Wir werden weiter erklären, wie diese Teile
voneinander und von den akustischen Eigenschaften des Instruments abhängig
sind.
p(t) = p+(t) + p-(t)
Das Rohr wird als eine Verzögerungseinheit modelliert,
und zwar mit einem Hinweg, für p+(t) und einem
Rückweg für p-(t). Am Eingang des Rohres
liegt das Signal aus dem Mundstück an. Das Rohr führt das Signal
zum Ausgang, aber das Signal wird nicht in die Luft insgesamt übertragen.
Abhängig von der Geometrie des Ausgangs, wird ein Teil von p+(t)
im Rohr reflektiert. So entsteht die rückwärts laufende Schallwelle
p-(t). Diese Schallwelle kommt zurück zum Mundstück
und überlagert sich mit dem Druck aus dem Mund pm,
um eine neue Schallewelle p+(t) zu erzeugen.
Wenn die Länge des Klarinettenrohres L ist,
c die Schallgeschwindigkeit in der Luft, dann wird die Dauer der Verzögerung
auf
T = L/c
eingestellt. Aus der musikalischen Akustik her ist
es bekannt, daß ein Rohr der Länge L mit einem geschlossenen
Ende (Mundstück) und einem offenen Ende (Schallstück) nur die
Frequenzen
fn = (2n + 1) c / (4L)
übertragen kann.
Das ist die Reihe der ungeraden harmonischen Teiltöne
des Grundtones
f0 = c / (4L)
Deshalb kann man ein Rohr der Länge L durch
eine Verzögrungseinheit der Zeit T ersetzen.
Die Klarinette soll alle Töne der temperierten
Tonreihe produzieren können. Das Modell lässt sich zu diesem
Zweck durch dei Verzögerungszeit T einstellen. Noch besser, das Modell
ist nicht auf die temperierte Tonreihe begrenzt, es kann auf beliebige
Tonhöhen eingestellt werden.
Zurück oder in die Luft springen: Übertragungsfilter
Wir haben gesagt, daß die Schallwelle p-(t)
aus einer Reflekion der vorwärts laufende Schallwelle p+(t)
am Schallstück ensteht. Diese Reflektion ist eigentlich frequenzabhängig.
Der Durchmesser des Schallstücks bestimmt eine Grenzfrequenz fc.
Unterhalb dieser Frequenz werden die Teiltöne ins Rohr reflektiert,
oberhalb werden sie in die Luft übertragen. Wir können sagen
daß der Schallstück aus einem Paar von Filtern besteht; ein
Tiefpass Filter zum Rohr zurück, ein Hochpassfilter zur Luft hin.
Diese Filtern lassen sich leicht in das Modell implementieren. Die Grenzfrequenz
fc lässt sich im Modell beliebig einstellen,
dadurch kann man mit unterschiedlichen Schallstückformen experimentieren
(Bild 2).

Bild 2: Implementierung des Modells
Der Ursprung des Tones: das Rohrblatt
Soweit zu den einfachen Aspekten der Simulation. Die
Wirkung des Rohrs und des Schallstückes lassen sich durch lineare
Elemente simulieren. Wir wissen aber immer noch nicht, woher eigentlich
der Klang, die Schalldruckwelle p+(t), kommt. Diese
Schallwelle wird durch ein nichtlineares System erzeugt. Das Modell wird
besser verständlich, wenn wir die akustischen Voraussetzungen und
die physikalischen Bedingungen erläutern und schließlich die
Implementation klären.
Zunächst müssen wir grob erklären,
was "linear" bzw. "nichtlinear Element" heißt. Ein Verstärker
ist ein lineares Element, wenn sich das Ausgangssignals y(t) des Verstärkers
proportional zur Amplitudenvariationen x(t) am Eingang verhält. Das
Verhaltens eines nichtlinearen Element ist von der Amplitude des Eingangssignal
abhängig. Es kann mal verstärken, mal abweichen, mal oszillieren...
Die Funktion "y(t) = a x(t) + c" ist linear, sie
karakterisiert eine gerade Linie. Eine Parabel wird mit "y(t) = a x2(t)
+ b x(t) + c" bezeichnet. Das ist eine nichtlineare Funktion.
Musikalische Akustik
A reed can be thought of a long, thin strip of flexible
material clamped at one end. If you pluck the free end, the reed vibrates
with a natural frequency determined by its mass and stiffness; removing
mass near the tip raises its frequency, but thinning near the base mainly
affects the stiffness and so lowers the frequency. But this vibration dies
away as energy is gradually lost to friction and sound. To maintain steady
vibration, some source must continually replenish the energy, and an airstream
can do the job.
When the air is admitted to the pipe foot from the
windchest under excess pressure pm, its only way to
escape back to the atmosphere is through the Mundstück. To force a
continuing stream of air through the narrow opening between reed edges
and Mundstück, the pressure p(t) out in the Mundstück must be
greater than the pressure p inside the Mund. If the size of the opening
changes, the flow rate and the pressure difference also change. The flow
rate q(m3/s) increases with the distance x of the reed from the Mundstück.
On the other hand, the pressure difference p0-ps decreases as the distance
x becomes larger. These two dependances q(x) and pm-p(x)
are non linear functions. This difference in pressure means there is a
force pushing the reed inward and becoming stronger as the opening narrows.
That pressure difference force Fp is opposed by the spring-type restoring
force Fs from the reed stiffness, which pushes it
back out.
When the pressure difference force is strong enough
to pull the reed against the bore, the opening gets completely closed,
cutting the airflow. The stiffness of the reed may need the aid of a positive
pressure pulse (backward travelling wave p-) in the
Mundstück before the reed will finally spring back. When the reed
opens and the flow resumes, so do the forces that bring the reed over to
the Mundstück again.
Der ganze Prozeß kann durch mehrere Verfahren
modelliert werden. Der Physiker denkt zuerst an Differentialgleichungen.
Der Ingenieur meint: sehr schön... aber wie kann mein Computer in
Echtzeit diese Gleichungen lösen? Die beide setzen sich zusammen und
erfinden ein Modell, das das wesentliche immitiert und das für die
praktischen Anwendungen effektiv genug ist.
Ein nichtlinearer Oszillator
Der Kern des nichtlinearen Oszillators ist eine Funktion
zwischen dem Luftfluß q und dem Druck p im Mundstück.
(1) q = F(p)
Eine Musterfunktion wäre
(2) F(p) = 0.2 * (pm - p)(p
- pz)
wobei pm der Druck im Mundstück
ist, pz der Druck im Mundstück wenn das Rohrblatt
dicht am Mundstück bleibt, d.h. wenn der Schlitz zu ist.
Es gilt immer noch
(3) p = p+ + p-
Unabhängig davon ist eine Randbedingung für
den Luftfluß am Mundstück nötig. Jede Schalldruckwelle
p+(t) und p-(t) erzeugt einen
Luftfluß, dazu kommt einen Strom q von Mund. Diese unterschiedliche
Flüße müssen sich ausgleichen, deshalb gilt die Gleichung
(4) q = (p+
+ p-) / Z
mit Z, der akustische Impedanz des Rohres. Z entspricht
dem Verhältnis zwischen Schalldruck und Luftfluß.
Das Schalldrucksignal p+(t)
wird von der Summe der Gleichungen (3) und (4) berechnet
(5) p+ = (p + Zq) / 2
Das Signal p-(t) ist eine Veränderung
des Signals p+(t) durch die Verzögerungs-Einheit
und das Tiefpassfilter.
(6) p-(t) = h(t) * p+(t)
(* ist das Faltungszeichen)
h(t) beschreibt die Übertragungseigenschaften
des Rohres mit dem Schallstückes, d.h. h(t) ist die Impulsantwort
der Verzögerungseinheit mit dem Tiefpassfilter des Schallstücks.
Wie p+(t) in (5), lässt sich p-(t)
als Funktion von p(t) beschreiben und zwar durch die Differenz der Gleichungen
(3) und (4)
(7) p- = (p - Zq) / 2
oder anders geschrieben
(8) p = 2 p- + Zq
p(t) ist jetzt ausgedrückt durch eine Funktion
von der reflektierte Schallwelle p-, die durch das
Rohr gelaufen ist (Gleichung 6) und vom Luftfluß q am Mundstück.
Der Luftfluß ist durch die Gleichung (1) vom Druck p abhängig.
Wir haben jetzt eine ausführliche Beschreibung unseres Modells. Die
Lösung der Gleichungen für jeden Zeitschritt t wird einen Wert
des Schalldrucksignals p(t) ergeben, das für die spezifische Klangfarbe
der Klarinette sorgt.
Lösung des Modells
Der Druck im Mund pm wird als gleichmäßig
angenommen.
1- Wir geben dem Druck p und dem Strom q die Anfangswerte
(p,q)t=0.
2- aus diesen Werten wird nach (5) p+
berechnet
3- p- wird nach (6) aus der
Übertragung im Rohr von p+ bestimmt
4- Aus dem System {(8),
(1)}: p = 2 p- + Zq und q
= F(p)
kommen für p und q neue Werte (p,q)t.
5- zurück zum Schritt 2.
Diese Berechnungsschleife kann in einem Computer
programmiert werden. Die Lösung des Systems {(8),(1)} kann wegen der
nichtlinearen Funktion F(p) schwierig sein. Diese Funktion kann aber in
einer Tabelle dargestellt werden. Um die Gleichung q = F(p) zu Lösen,
braucht man dann lediglich in der Tabelle nachzuschlagen. Um dieses Verfahren
zu verstehen, können wir uns mit graphischen Betrachtungen helfen.
Erklärung anhand der nichtlinearen Funktion
Das Bild 3 zeigt die nichtlineare Funktion des Oszillators.
Diese Funktion gibt an, welche Zustände im Mundstück möglich
sind. Für jeden Druck p im Mundstück gibt es einen bestimmten
Luftfluß q. Diese Kopplung zwischen p und q kann durch einen Zustandspunkt
auf der Kurve dargestellt werden. Wenn sich p verändert, bewegt sich
dieser Punkt auf der Kurve.

Bild 3: Der Luftstrom q durch
das Rohrblatt ist vom Druckunterschied p am Blatt abhängig
Der Klang wird durch eine kleine Veränderung
des Drucks im Mundstück, durch Anblasen oder einen Zungenstoß
auf dem Rohrblatt angestzt. Der Zustandspunkt ist auf der rechten Seite
der Kurve.
1- Der Druck p wird eine vorwärts laufende Schalldruckwelle
p+ produzieren. Wir nehmen an, daß p+
von 0 bis 1 steigt. Nach der Übertragung und der Reflexion am Schallstück
sinkt der rückwärts laufende Schalldruck p- von 0 auf -1. Deshalb
sinkt der Druck p und der Zustandspunkt bewegt sich von rechts nach links
auf der Kurve. Diese Bewegung entspricht eine Veränderung des Luftflußes
q, ein Luftflußimpuls wird dadurch produziert. Wenn der Druck im
Mundstück negativ genug wird, ist das Rohrblatt auf das Mundstück
gepresst und der Schlitz geschlossen. Der Luftfluß ist 0.
2- Eine neue Schallwelle p+
wird aus der letzte Welle p- produziert. Da der Druck
im geschlossenen Mundstück sich nicht augenblicklich verändern
kann, übernimmt p+ den Wert von p-,
also -1. Nach Vor- und Rücklauf im Rohr wird p-
von -1 auf +1 steigen. Der Druck p im Mundstück steigt, das Blatt
öfnet sich und der Zustandspunkt bewegt sich von links nach rechts
auf die Kurve. Die bewegung entspricht eine Veränderung des Luftflußes,
d.h. eine Luftimpuls wird in das System eingespeist.
3- p+ übernimmt die Amplitude
1, nach der hin und zurück Fahrt im Rohr, p-
wird -1. Das Rohrblatt schließt sich, der Zustandspunkt geht von
rechts nach links auf der Kurve, ein Luftstromimpuls fließt in das
Mundstück.
4- zurück zum Schritt 2.
Die Kurve q = F(p) bestimmt die Form des Luftstromimpules,
sie hat deshalb einen großen Einfluß auf dem Klang. Die geometrische
und viskoelastischen Eigenschaften des Mundstücks und des Blattes
sollen von dieser Funktion zusammengefaßt sein.
Conclusion
Die physikalischen Modelle weisen sehr interessante
Möglichkeiten auf, sei es für Klanggenerierung oder -Gestaltung.
Die Veränderung von einem modellierten Kläng ist möglich,
erfordert aber eine tiefere Erkenntnis über das Modell. Die Wahl des
Klarinettenmundstücks und -Rohrblatts bestimmt den Klang des Instruments.
Dasselbe gilt für das physikalische Modell: die Gestaltung der nichtlinearen
Funktion q = F(p) bestimmt den Klang des Synthesizers. Wenn der Musiker
einen Wissenschaftler um Hilfe bittet, kann er auf seine Fragen über
physikalische Modelle umfangreichere Antworte als auf Fragen über
den FM Algorithmus erwarten, bei dem die "Bessel Funktionen" alles bestimmen
sollen.
David Jaffe hat in 1983 ein Stück komponiert,
wo er den Karplus-Strong String-Algorithm einsetzt. Er sagt: "The composer
controls the physical model using intuitively meaningful parameters and
the model translates these automatically into spectral changes. It is possible
to push the physical model parameters to extreme limits without destroying
the perceptual identity of the sound. For example, a physical model of
a plucked string instrument may have "pick position" and "dynamic level"
as parameters. In Silicon Valley Breakdown, I increased the thickness of
a plucked string to an extreme limit to produce the sound of plucking a
cable from the Golden Gate Bridge."
Literatur
HALL Donald E., Musical acoustics, 1991,
Brooks/Cole, Wadsworth. Die Übersetzung wird vom Zentrum für
Kunst und Medientechnologie Karlsruhe bearbeitet, Schott Verlag.
SMITH Julius O. III, Physical modeling using digital
waveguides, 1992, Computer Music Journal, Vol. 16, No. 4, Winter, pp.
74-87.
McINTYRE M.E., SCHUMACHER R.T., WOODHOUSE J., On
the oscillations of musical instruments, J. Acoust. Soc. Am. 74(5),
November 1983, pp. 1325-1345.
JAFFE David, Silicon Valley Breakdown, in
CHAFE Chris, JAFFE David, SCHOTTSTAEDT Bill, Dinosaur music, 1988, Wergo,
CD WER 2016-50.
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