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netz_bedingung / net_condition

Kunst/Politik im Online-Universum

Eine Ausstellung, die als multilokales vernetztes Ereignis gleichzeitig in Karlsruhe (ZKM), Graz (steirischer herbst), Tokio (ICC Intercommunication Center) und Barcelona (MECAD Media Centre d'Art i Disseny) stattfindet.

Eine neue Welt wird konstruiert. Die Welt geht online. Die Online-Kommunikation schafft neue technische Voraussetzungen für die Globalisierung. Eine neue globale Ökonomie entsteht, die nicht mehr vorwiegend produktbasiert, sondern zeitbasiert ist. Das Netz ermöglicht eine Umstellung der Ökonomie: Nicht mehr das Produkt wird bezahlt, sondern der Gebrauch des Produkts nach Zeiteinheiten verrechnet. Dadurch verschieben sich die zentralen Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung von der primären Sphäre der Produktion in den sekundären und tertiären Sektor der Vertriebs-, Dienst-, Kommunikations- und Informationsleistungen. Die historischen Begriffe von Arbeit, Information, Eigentum und Urheberschaft werden im Online-Universum durch kryptographische Codes stabilisiert und verschärft. Vom Wissensmanagement bis zum Konsum wird die kryptographische Verschlüsselung des Informationsflusses zur eigentlichen Quelle des Kapitals. Netzbasierte Ökonomie erfordert eine Umwälzung unserer historischen Vorstellungen von Gesellschaft und Subjekt sondergleichen. Fragen der sozialen wie privaten Sphäre - von neuen Formen einer telematisch geformten Gemeinschaft bis zur Identitätspolitik der Geschlechter - werden durch das Netz auf neue Weise gestellt. Die Gesellschaft hat einen komplexen Zustand der Entwicklung erreicht, in dem ein technologisches Instrument wie das Netz für ihr Funktionieren notwendig geworden ist. Die Gesellschaft erfindet sich das Netz, um sich als Informationsgesellschaft auszudifferenzieren. Es gibt also gesellschaftliche Bedingungen, welche die Entwicklung des Netzes erfordern und fördern. Das Netz wiederum liefert die Möglichkeiten und Bedingungen, mit denen die Informationsgesellschaft sich weiterentwickeln kann. In diesem Sinne ist der Titel der Ausstellung zu verstehen: als soziale wie technische Bedingung. Diese Ausstellung heißt nicht net.art, sondern aus genannten Gründen, net_condition, weil sie eben die sozialen Bedingungen thematisiert, die das Netz erzwingen, und gleichzeitig die Bedingungen erforscht, die das Netz selbst der Gesellschaft und der Kunst aufzwingt. Das globale Netz ist der Motor einer radikalen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umwälzung zu Beginn des nächsten Milleniums, dessen Konturen in der Ausstellung erstmals sichtbar werden.

Das Ausstellungsprojekt will mit circa 100 Positionen nicht nur einen umfassenden Überblick über den derzeitigen Status der internationalen Netzkunst geben, sondern vor allem auch eine Einführung in die politisch-ökonomischen Ideen, sozialen Praktiken und künstlerischen Anwendungen der Online-Kommunikation in der Netz-Gemeinschaft.

Die Netzkunst, von physischen lokalen Installationen bis zu weltweit vernetzten Computerspielen, ist das Forum geworden, in dem viele der emanzipatorischen Hoffnungen der historischen Avantgarden neu artikuliert werden. Web-Art, netzbasierte Installationen, ist nicht nur die aktuellste Phase der Medienkunst, die nach der videobasierten Skulptur der 80er Jahre und der computerbasierten, interaktiven Installation der 90er Jahre den Mediendiskurs prägt, sondern auch jene Kunstform, an welche die größten politischen Hoffnungen geknüpft sind. Die sozialrevolutionären Utopien der historischen Avantgarden und Aufklärungsbewegungen wie Vertragsfreiheit, Chancengleichheit und interkulturelle Emanzipation etc. sollen nun technologisch eingelöst werden.

Das Interesse dieses Ausstellungsprojektes gilt also der Untersuchung, welche neue Bedingungen das Netz den historischen Medien und den historischen sozialen Kommunikations- und Wirtschaftsformen aufzwingt. Jedes neue Medium verliert gegenüber den vorhergehenden Medien einige Eigenschaften, führt aber in der Regel eine Menge neuer Eigenschaften ein, die in bestimmten Aspekten den historischen Medien überlegen sind. Daher kommt es durch das Entstehen neuer Medien nicht zur Auslöschung der alten Medien, aber die neuen Medien unterwerfen die alten Medien ihren Bedingungen. "The Photographic Condition" (Rosalind Krauss) hat die Malerei verändert, Video hat den Film verändert, die digitale Technologie hat Film und Video verändert etc. Das Netz verändert als technisches Dispositiv die Musik, die visuelle Kultur und die Literatur.

Deshalb gibt es neben netzbasierten zweidimensionalen Bildern und Texten auf dem Bildschirm netzbasierte Installationen, die zu enge Definitionen von Netzkunst adäquat erweitern. Das Netz im virtuellen Raum steuert die Abfolge von Ereignissen im realen Raum und die Ereignisse im realen Raum steuern die Abfolge von Ereignissen im virtuellen Netzraum. Die Struktur der Nicht-Lokalität, eingeführt von Telefon und Television, wird durch das Netz verstärkt.

Verteilte virtuelle Realität, shared cyberspace, nicht-lokale Kommunikation, multi user environments und Netzspiele bilden daher die Schwerpunkte dieser Ausstellung. Dabei wird die netz_bedingung nicht nur in Hinblick auf die Bildmedien, sondern auch auf die Klangmedien untersucht. Netzbasierte Musik ist daher ein wichtiger Aspekt der Ausstellung.

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Nachweis spezifischer Produktionsprozeduren der interaktiven Online-Kommunikation im Netz. In einer eigenen, von Walter van der Cruijsen (Mitbegründer der Digitalen Stadt Amsterdam) kuratierten Lounge wird die Vielfalt der virtuellen Nachbarschaften, der zahllosen urbanen Projekte, sozialen Interventionen und Meinungsforen anhand von Vorträgen, Performances und Online-Chats vorgestellt. In einem News-Room hat der Besucher die Möglichkeit, sich umfassend über Kunst und Politik im Online-Universum zu informieren.

Die Ausstellung wird selbstverständlich auch online stattfinden. Zum Beispiel wird Benjamin Weil, der Begründer von ada-web, zur Zeit Netzkurator am ICA, London, einen historischen Überblick über die wichtigsten Positionen in der kurzen Geschichte der Netzkunst online einrichten. Ebenso wird es zwischen Graz, Barcelona, Tokio und Karlsruhe eine Online-Kommunikation über netzbasierte Kunstwerke geben.

Die moderne Kunst schuf als Reaktion auf die maschinengestützte industrielle Revolution das ästhetische Objekt als geschlossenes System. Die Nachmoderne schuf als Reaktion auf die postindustrielle Revolution der Informations-Gesellschaft eine Kunst der offenen Zeichen- und Handlungsfelder. Netzkunst ist im Augenblick die treibende Kraft, welche das geschlossene System des ästhetischen Objekts der Moderne am radikalsten in das offene System der Handlungsfelder der Nachmoderne (oder Zweiten Moderne) transformiert.

Peter Weibel






 




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