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Netzwerkkunst im Museum

Weg mit den High-End-Animationen, ins Depot mit der Silicon-Graphics- World! Die Onyx-Maschinen sind die Saurier einer untergegangenen Cyberworld.

Dies könnte das Motto sein, mit dem eine neue radikale Gruppierung von Medienkünstlerinnen und Medienkünstlern sich anschickt, Schluss zu machen mit der High-Tech-Faszination der 90er Jahre, als der Zugang zu Reality Engines Grundbedingung für die erfolgreiche künstlerische Arbeit mit Medien war.

Unter dem Label Net.art konstituiert sich diese Strömung als erste (?) Avantgarde des 21. Jahrhunderts. Als Diskurs zwischen den einzelnen Gruppierungen der Medienkünste versucht sie sich, einer eigenen Geschichte zu versichern, um diese Attitüde als notwendige Grundhaltung der Medienkunst insgesamt zu legitimieren: Net.art bezieht sich, nicht ganz zu Unrecht, auf die frühe Videokunst, die mit ihren Aggressionsakten gegen das Medium Fernsehen zwar gescheitert, aber grandios gescheitert ist.

Es gibt Parallelen. Allerdings sind selbst die radikaleren Vertreter der Netzkunst, die dadaistischen Hacker oder Gruppen wie JODI, an einer eher spielerischen Dysfunktionalisierung der Software interessiert, mit der durchaus politischen Implikation allerdings, dass hierdurch die gesellschaftliche Determination der Netzwerkprogramme, Plug-Ins und Browser, der sozial geregelte Zugriff auf die Cyberwelt in Frage gestellt werden könnte. Auf jeden Fall, und das ist für mich die bedeutsamste Gemeinsamkeit zwischen früher Video- und aktueller Netzkunst, wird ein gemeinsames Interesse am Content deutlich, das heißt hier an den kommunikativen Strukturen und Möglichkeiten des Mediums.

Was für den Beitrag des Medienmuseums zur net_condition-Ausstellung weiterhin von Bedeutung ist: Trotz aller legitim verständlichen, notwendigen Ausbruchsversuche aus dem Betriebssystem Kunst ist das Museum, ist die Ausstellung in unserer Gesellschaft immer noch das Experimentierfeld für die Querdenker und Neuerer. Allerdings muss der Ort im Betriebssystem Kunst auch immer wieder neu entwickelt und erobert werden. Und deswegen habe ich als Beitrag des Medienmuseums zu net_condition Arbeiten ausgewählt, die auf jeweils eigensinnige Weise den Ort des Museums nicht verlassen, wie das die Net.art zumindest intendiert, sondern ihn erweitern.

Da ist erst einmal die Arbeit The Tables Turned von Paul Sermon, die gewissermaßen eine Theatralisierung des virtuellen Raumes darstellt. Sie ermöglicht, innerhalb des Museums wirklich neue Kommunikation und Verhaltensweisen zu erproben und steht damit in ganz besonderer Weise in der Tradition der unter anderem von Roy Ascott initiierten Communication-Art.

Die Arbeit Difference Engine #3 von Lynn Hershmann ist zusammen mit Masaki Fujihatas Global Interior Project und den frühen allerdings etwas esoterischen Experimenten der Knowbotics Research-Gruppe die erste künstlerische Mixed-Reality-Installation überhaupt. Und das Humbot Projekt von Pocock, Noll, Burckhardt, Cabot und Staehle geht aus von einem aktualisierten Interesse an den Forschungen des Universalisten Alexander von Humboldt und nutzt dessen Arbeiten zu einer ganz besonderen Instrumentalisierung der Vernetzungsstrukturen im Bereich der sprachlichen Internet-Kommunikation.

Alle drei Projekte loten also auf ganz eigensinnige Weise die net_condition aus, nicht nur im virtuellen Raum des Internet sondern dort, wo sie uns alle besonders angeht: im Grenzbereich zwischen realen und virtuellen Welten.

Hans Peter Schwarz





 




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