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Das Netz und music_conditions

Mit den Computernetzwerken und ihren neuen Möglichkeiten sind wir noch auf der Suche nach 'Netztypischem' für die Musik in der Gegenwart: Wie verändern sich Produktion, Rezeption und Distribution, welche Bedingungen stellt das Netz und welche Bedingungen stellen wir dem Netz - was fordern wir der neuen Technologie in einer 'realen Utopie von Kunst' ab?

“Im Mittelpunkt eines kreativen Lernprozesses steht die Verlagerung von funktionellen Bedingungen im Wahrnehmen, Denken und Handeln auf mobile Methoden, die zur Selbsttätigkeit und Selbstentdeckung führen. Diese implizieren ein produktives Denken und Handeln, das nicht auf Resultate eingestellt ist, sondern auf operative Prozesse..." Dies Zitat aus dem Jahr 1972 bezog sich nicht im Entferntesten auf Computer, sondern auf 'neue Musik'. Die Diskussion über 'Individuum und Kollektiv' im Zusammenhang mit 'Demokratisierung und Freiheit' hat seit Beginn des Jahrhunderts in unterschiedlichen Zusammhängen zu neuen künstlerischen Produktions- und Rezeptionszusammenhängen geführt. In den 60er und 70er Jahren standen 'Demokratisierung' und 'Interaktivität', 'operatives Handeln' und 'Kreativität aller' im Mittelpunkt vielfältiger künstlerischer Richtungen. Die 90er Jahre stellen das Computernetz bereit. Wieder begegnen wir in diesem Zusammenhang ähnlich lautenden Ansätzen. Jetzt könnte betrachtet werden, wie die Verbindungsstränge über die Jahrzehnte laufen, wo 'des Kaisers neue Kleider' geschneidert werden oder ein erhofftes Neues und Sinnvolles aufgetan wird.

Ansätze für Einschätzungen können sich im musikalischen Programm von net_condition finden.

Die von Golo Föllmer ausgewählten Musikprojekte bei net_musician lassen die Besucher exemplarisch Richtungen erforschen, die uns als Musik Spielende im Netz bereitgestellt werden.

Die drei Installationen, mit denen das Institut für Musik und Akustik in der Ausstellung vertreten ist, setzen verrückende Akzente: In Truth in the Clouds wird es möglich, Kontakt zu Netzen einer anderen, magischen Art aufzunehmen und diese erklingen zu lassen. Die Musiktruhe Rheingold schleust als Zeitmaschine Radiostationen des Internet in ein Wohnzimmer der 50er Jahre, während ¢apital magneti¢ einen Bankautomaten in einen der persönlichen Kreditkarte angepaßten Musikautomaten verwandelt.

In einer Cyber-Session zwischen Kalifornien und Baden verbindet das Internet direkt die Musiker. Scanner hingegen filtert sich das Ausgangsmaterial für seine Musik aus den Datenströmen des Internet und aus den uns umschwebenden Netzen der drahtlosen Kommunikation.

In einem Konzert wird das spezielle ZKM-Audionetzwerk wesentlicher Teil der Aufführungen: Eine neuartige Version des Live-Elektronik-Klassikers I'm Sitting In a Room von Alvin Lucier verwendet sechs Räume des ZKM simultan als Resonatoren. Beim Fibre Jelly remixen sich sechs Live-Elektoniker in seperaten Studios verbunden über das interne Glasfasernetz.

Zur Eröffnung von net_condition werden The User in ihrer Symphony #2 for Dot Matrix Printers ein vernetztes Ensemble vom Computern und Nadeldruckern zum Drucken und Tönen bringen und Mark Trayle erbittet Ihre Kreditkarten für eine Performance von ¢apital magneti¢.

Man kann feststellen, daß das Netz für die Musik zur Zeit hauptsächlich auf dem Gebiet der Distribution tiefgreifende Folgen hat. Daraus ergeben sich Veränderungen der ökonomischen und kulturellen Bedingungen ihrer Produzenten und Hörer. Es scheint noch nicht direkt abhörbar zu sein, wie das Netz eine spezifische, eine andere und neue Musik hervorlockt.

Johannes Goebel





 




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