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Bill Viola ::: 1951 : USA

Titel:: The Greeting
Art:: Videoprojektion
Jahr:: 1995

»Visitatio Beatae Mariae Virginis« lautet die lateinische Bezeichnung für die Darstellung der Heimsuchungsszene, die der Evangelist Lukas (1,39-56) im Neuen Testament beschreibt. Die Jungfrau Maria in freudiger Erwartung reist zu ihrer älteren Verwandten Elisabeth, die ebenfalls nach langen Jahren des Wartens ein Kind in ihrem Leib trägt. Der Evangelist berichtet über das Gespräch der beiden Frauen, die Gott preisen und für seine Gnade danken. Elisabeth erweist der Jüngeren ihre Referenz, denn sie weiß, dass nicht ihr Kind, sondern der Sohn Marias der Erlöser sein wird. Lukas begründete mit seinem Text den Marienkult, der bereits im frühen Mittelalter Eingang in die christliche Ikonographie fand. Aber erst im 13./14. Jahrhundert wurde das ursprünglich orientalische Fest ein regulärer Bestandteil der westlichen Kirchenliturgie. Von da an gehört das Motiv in den Kanon des christlichen Bildvokabulars und findet zu einer Blüte in der Malerei eines Rogier van der Weyden, Raffaels oder in den Miniaturen der Buchmalerei, so zum Beispiel im Stundenbuch des Herzogs von Berry.

»Die Begrüßgung«, »The Greetings» von Bill Viola greift auf die kunsthistorischen Wurzeln zurück. Insbesondere das gleichnamige Werk des italienischen Manieristen Jacopo da Pontormo, das zwischen 1528-29 entstand, diente ihm zur Vorlage. Viola stellt mit den modernen technischen Mitteln das Werk nach, kommentiert somit sowohl die Heilsgeschichte als auch die malerische Tradition. Während der italienische Meister in seinem Bild bestrebt ist, genau den Moment einzufangen, da Maria und Elisabeth sich in geistiger Versenkung am nächsten sind, der Betrachter den stummen Dialog erahnt, verfügt Viola dank der Videotechnik über die Möglichkeit das Gemälde in der Zeit zu entfalten. Zur Raffinesse des Werks von Viola gehört es allerdings, keine simple Nacherzählung anzufertigen, sondern er kontakariert sein eigenes Medium, indem er dem Video die Geschwindigkeit entzieht, indem er die reale Spielzeit des Films von 55 Sekunden auf 10 Minuten ausdehnt. Dadurch entsteht der irritierende Effekt eines sich langsam, unmerklich bewegenden Bildes. Es ist, als ob das Altarretabel aus einer inneren Dynamik heraus erwachse.
Die befremdende Wirkung wird durch die stilistischen Anleihen Violas an das Tableau Pontormos befördert. So behält der Videokünstler weitgehend die farbliche Gestaltung bei, erschafft eine Hintergrundkulisse, die an die strenge Architektur der Renaissance erinnert und kleidet die Protagonistinnen in leichte, duftige Stoffe und antikische Sandalen. Aber inhaltlich weicht Viola nicht unwesentlich von der Altartafel ab. Der italienische Maler platzierte zwei Frauen mit traurigen Gesichtern im Hintergrund des Geschehens. Zwei Personen, die weder gesegnet waren, noch auf Grund ihrer Entfernung an dem feierlichen Akt teilnehmen konnten. Viola ersetzt die Vierer-Komposition durch eine Konstellation zu dritt, die nicht simultan stattfindet, sondern dem Verlauf seiner Geschichte folgt. Zunächst treffen eine ältere Frau, im Halbprofil am linken Bildrand zu sehen, und ihre jüngere, blonde, blau gekleidete Freundin aufeinander. Sie begrüßen sich freudig, nehmen sich in den Arm. Allein die für Maria typischen Accessoirs wie das blaue Gewandt, das Alter, die Haarfarbe erwecken zunächst den Eindruck diese Sequenz stelle den Haupteil des »Tableau vivant« dar, erst nach einigen Minuten tritt eine dritte Person von rechts auf. Sie trägt ein rotes Kleid, kurze, dunkle Haare. Während die mittlere Frau sich unentschlossen verhält, beugt sich Elisabeth der Ankommenden entgegen, begrüßt sie herzlich und innig. Sehr viel eindringlicher als bei Jacopo da Pontormo rückt Viola das Ungleichsein im Moment der Gleichzeitigkeit in den Bildmittelpunkt.

»Greetings» beinhaltet zwei wesentliche Aspekte des Schaffens von Bill Viola. Einerseits erkundet er intensiv das Phänomen Zeit als eine mechanisch abmeßbare, physikalisch begründete Maßeinheit, andererseits thematisiert er Zeit als die Spanne zwischen Leben und Tod, als Existenz-Zeit des menschlichen Lebens, die nicht mit der wissenschaftlich fundierten Zeit übereinzustimmen scheint. »Diese Beziehung zwischen Unendlichkeit, Aktualität oder Begrenztheit des Lebens ist ein wichtiger Bestandteil unserer Existenz», sagt der Künstler, der neben seinen Tätigkeiten als Musiker und Bildender Künstler sein Werk immer auch theoretisch-reflexiv begleitete.

Bill Viola, vielbelesen und klassisch gebildet, setzte sich intensiv mit den großen Religionen der Menschheit auseinander. Seine besondere Vorliebe gilt dem Buddismus, gößte Bewunderung hegt er für das japanische No-Theater. Dessen Merkmal ist es zwischen gedehnten, die Zeit verzögernden Bewegungen und Klängen, und einer plötzlich einsetzenden Beschleunigung und Lautstärke unwillkürlich zu wechseln, dadurch Zeit bewußt zu machen, die Wahrnehmung der Zeit als solche zu sensibilisieren. Ähnlich verhält es sich mit der videoanimierten, profanierten Altartafel »Greetings«. Dadurch dass sie Veränderung zeigt, negiert sie das Bild als eine simultan wahrnehmbare Oberfläche, dadurch dass sie in Zeitlupe abläuft, widerspricht sie unseren Sehgewohnheiten der Kino- und Fernsehbilder. Viola erschafft eine Zeit, die wir nicht kennen, die wir nicht einordnen können, die bislang nicht in unserem Repertoire für die Beschreibung von äußeren Objekten angewendet wurde, sehr wohl aber aus dem inneren Zeitempfinden heraus bekannt ist. Die Erfahrungen gedehnter Zeit sind vielfältiger Natur, so wenn man auf etwas wartet, wenn eine unangenehme Situation kein Ende nehmen will, wenn fünf Minuten länger dauern als ein ganzer Tag.

»Der Körper als Haus ist ein zeitlich begrenzter Container. Die schönste Metapher für das menschliche Leben und die Beziehung zwischen Körper und Geist findet sich bei Jalaluddin Rumi, einem persischen Dichter des 13. Jahrhunderts. Für ihn gleicht das menschliche Leben einem auf dem Ozean treibenden Ball, der sich ganz allmählich mit Wasser füllt. Mit der Zeit sinkt er immer weiter nach unten. Irgendwann, wenn der Wasserstand innerhalb die gleiche Höhe wie der außerhalb des Balles erreicht, sinkt dieser endgültig auf den Meeresgrund. Das Wasser im Innern trifft mit dem Wasser außerhalb des Balles zusammen und wird Teil des Ozeans. Das war zwar auch schon vorher so, aber da war noch der Ball drumherum. Dieser verschwindet sozusagen unter dem Wasser, und dann braucht man ihn auch nicht mehr. Ich mag diese Metapher wegen ihrer poetisch-visuellen Sichtweise», erklärt Bill Viola.

-> Text: Barbara Könches

Linkempfehlungen ::
· Selected Works 1972 - 1996 [sehr ausführliche Linkliste]
· Bill Viola at SFMOMA 1999
· Bill Viola at SFMOMA 1987
· Text: Ein Klassiker der Videokunst [von Hartmut Böhme]
· A 25-Year Survey
  [Jerry Becerra über die Retrospektive im SFMOMA]
· Abbildungen:
  · The Messenger
  · Room for St. John of the Cross
· Homepage [teilweise »under construction«]



Collection Pamela and Richard Kramlich;
courtesy Thea Westreich Art Advisory Services;
Foto: Kira Pirov


 
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Last update: Dienstag, 27. April 2004 um 16:06:23 Uhr
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