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Marcel Broodthaers ::: 1924 : Belgien
    gestorben:: 1976 : Deutschland

Titel:: Fig.0, Fig.1, Fig.2, Fig.A
Art:: Filmprojektion
Jahr:: 1971

Marcel Broodthaers war der erste Künstler, der sich intensiv, gar obsessiv
mit dem Kunstkontext auseinandersetzte. Während Marcel Duchamp 1917 Alltagsgegenstände zu Kunstobjekten deklarierte, den Ort der Ausstellung, den »White Cube« jedoch nicht in Frage stellte, negiert Broothears
rund fünfzig Jahre später ebenso hartnäckig wie konsequent
die geweihte Kunststätte.
1969 eröffnet er in seiner Brüsseler Wohnung sein persönliches Museum, dessen Exponate aus nichts anderem als zugenagelten Kisten besteht. Sicherlich, die Institutionenkritik war paradigmatisch für die 60er Jahre des
20. Jahrhunderts, doch der belgische Künstler ging weiter als seine Freunde
in der Fluxusszene, als die Vertreter des Konzeptualismus.

Broodthaers, ursprünglich Dichter, beschloß 1964 im Alter von 40 Jahren
Erfolg zu haben, und er schaffe es - auf dem Gebiet der Kunst. Ebenso wie sein Landsmann René Magritte bemächtigt er sich des Wortes in Reflexion
auf visuelle Zeichen. Semantik und Synthax von Sprache und Bild werden bei Broodthaers in einen bislang unbekannten Systemzusammenhang gestellt. Nicht nur in der Analyse erweitert er Magrittes Erbe, sondern auch durch den Einbezug neuer künstlerischer Techniken wie Photographie und Film.
Auch hierbei befand sich Broodthaers auf der Höhe der Zeit, schließlich war die Erfindung der tragbaren Videokamera und damit die Anwendung im künstlerischen Kontext erst ab Mitte der 60er Jahre möglich geworden.

Um dem Eindruck zu entgehen, der Intellektuelle Broodthaers sei lediglich
ein begabter Denker und scharfer Beobachter gewesen, muß man seine Werke auf sich wirken lassen. Beeinflußt von den ästhetischen Theorien Rimbauds oder Mallarmés verweigert sich der Künstler einer kategorialen Einordnung von »schön« und »häßlich«, ist vielmehr bestrebt »den Alltag zu poetisieren«. Ebenso intensiv befaßt er sich mit dem Zeitbegriff.
Er versucht die »Sekunde Ewigkeit« von Charles Baudelaire einzufangen oder Mallarmés Auflösung der Zeit zu visualisieren.

Um dies zu erläutern, möchte ich zunächst kurz auf die Diaprojektion
»Bateau Tableau« aus dem Jahr 1973 eingehen, die auf exemplarische Weise all die vielfältigen Facetten und diskursiven Elemente des Broodthaersschen
Oeuvres umfaßt.
Achzig Diaaufnahmen eines einzigen Ölgemäldes werden in einer zwischen Fern- und Nahsicht alternierenden Projektion auf der Leinwand sichtbar. Das ursprüngliche, materielle Referenzbild erwarb Broodthaers auf dem Flohmarkt. Eingefaßt in einen schweren goldenen Rahmen zeigt es Schiffe auf rauher See. Im Mittelpunkt steht ein größeres Segelboot, das von einer kleineren Barke, die sich entschlossen dem Wind entgegenstellt, begleitet wird. Zwei winzige Ruderboote kommen dem Betrachter entgegen, kämpfen sich durch die peitschenden Wellen, stemmen sich mit Manneskraft gegen die
tosende Naturgewalt.

Während der unbekannte Maler bemüht war die Lebendigkeit und Energie
der Natur durch den dynamischen Pinselduktus und die farbliche Akzentuierung zu verdeutlichen, erwirkt Broodthears das Gegenteil.
Er hält den Blick quasi an, zoomt in Nahsicht auf die Leinwand, gerade so als ob man ein Experte wäre, der das Gemälde argwöhnisch und genau inspiziert. Die emotionale Aufruhr der See wird eingefroren in dem stummen Blick auf die technische Raffinesse des Malens. Gleichzeitig jedoch erhält das immaterielle Bild eine Bewegung aus sich selbst heraus. Die Dias werden in kurzen Abständen hintereinander auf die Leinwand geworfen, so dass nun nicht mehr das Motiv die Illusion von Bewegung und Geschwindigkeit erzeugt, sondern das Bild selbst in Bewegung gerät. Da die Einheit des immateriellen Bildes nie in Frage gestellt wird, gelingt es Broodthaers mühelos, das komplexe Gebilde in einzelne Fragmente aufzuteilen, ohne dabei die partiellen Ansichten
zu isolieren.
Der Künstler zerstört mit leichter Hand den Bildraum und ersetzt ihn durch die perpetuierende Abfolge der immer gleichen Bildserie. Raum wird so mühelos auf die zeitlich memorierende Ebene individueller Perzeption zurückgeführt.

»Eine Sekunde für Narziß, das ist schon die Zeit der Ewigkeit«, meint Broodthaers [in: Kunstforum, Bd. 139, S. 350ff]. Nicht zufällig wählt der Künstler das Laienformat als Ausgangspunkt seiner Installation. Obgleich die Avantgarde »Öl auf Leinwand« bereits weit hinter sich gelassen hat, symbolisiert dieses Signet für die kunstinteressierte Öffentlichkeit nach wie vor, Garant der wahren Kunst zu sein. Die in Öl gefaßte Illusion wurde Anfang der 70er Jahre vehement vom reinen Schein des Films oder des Videos verdrängt. Der Maler Jörg Immendorff forderte bereits 1967 - in Öl auf Leinwand - »hört auf zu malen!«, wenngleich er selbst das Diktum nie erfüllte.

Doch nicht allein dem Kunstpublikum galt die subtile Kritik von Broodthaers, sondern ebenso dem Kunstbetrieb selbst, war der doch nach wie vor durch seine Exklusivität gekennzeichnet. Ironisch hält der Belgier der zeitgenössischen Kunstavantgarde den Spiegel vor. Das Paradox ein überaltertes Genre der Kunst lediglich technisch auf den neuesten Stand zu bringen, mag man auch als Kritik an einem bloß innovationsfreudigen Technikkult lesen.

Es sind die Dinge hinter den sichtbaren Zeichen, die Broodthaers in seinem Tun herausfordern. Das ist die philosophische Dimension seines Werkes.
Für die Arbeit »Fig. 0, Fig. 1, Fig. 2, Fig. A« aus dem Jahr 1971 präpariert Broodthaers eine Leinwand so, dass die Beschriftung als Aussparung auf je einem kleinen schwarzen Rechteck stehenbleibt. Diese Projektionsfläche wird mit verschiedene Filmsequenzen bespielt, so dass obgleich die Bilder sich ständig verändern, die Beschriftung konstant die gleiche bleibt, eben »Fig. 1«, »Fig. 2« usw..
Unabhängig von der Illusion, unabhängig vom Inhalt erklärt der Künstler das Referenzsystem als eine starre, unabänderliche Struktur von nur wenigen Signifikanten. Auch in diesem Werk - komplex und detailbesessen zugleich - setzt sich Broodthaers, der bereits 1976 in Köln starb, überzeugend mit den Phänomenen Zeit, Zeichen, Zelluloid auseinander, lange vor der
sogenannten postmodernen Dekonstruktion.

-> Text: Barbara Könches

Linkempfehlungen ::
· Ausstellung »ein|Räumen«
  [Hamburger Kunsthalle] 20.10.2000 - 21.01.2001
· Biografie
· Kurzinfo mit Bild des Künstlers (in niederländischer Sprache)
· Rezensionen, Informationen, Links Übersicht
· Marcel Broodthears auf der documentaX 1997



Collection Pamela and Richard Kramlich;
courtesy Thea Westreich Art Advisory Services
Foto: Ian Reeves
© VG Bild-Kunst, Bonn 2001


 
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Last update: Dienstag, 27. April 2004 um 15:57:12 Uhr
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