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Lothar Baumgarten ::: 1944 : Deutschland

Titel:: »Da gefällt's mir besser als in Westfalen« Eldorado 1968-76
Art:: Diaprojektion
Jahr:: 1968-76

»Da gefällt´s mir besser als in Westfalen« betitelt Lothar Baumgarten
sein Werk.
Was zunächst klingt als sei es eine spontane Meinungsäußerung, gibt in Wahrheit ein Zitat aus Voltaires Novelle »Candide« wider. Voltaire war auf Einladung des preußischen Königs Friedrich II. zu Gast im damals absolutistisch regierten Preußen. Obgleich der Monarch sich dem Gedankengut der Aufklärung gegenüber offen und interessiert zeigte, vermißte der französische Philosoph die gelebte liberale Gesinnung einer freien Gesellschaft. In seinem Roman erzählt Voltaire die Reise des jungen, naiven Candide, der mehr zufällig als absichtlich von Westfalen nach Bulgarien, Portugal, Frankreich, Argentinien, Eldorado und schließlich nach Venedig gerät. Ein Abenteuer, das ihn in der Rolle des Täters oder des Opfers vorführt, auf jeden Fall innerlich stärkt, wie ihm am Ende der Geschichte sein Lehrer Pangloss versichert:

»Pangloss: Mein Junge, lass' Dich nicht abbringen vom richtigen Weg. Wie Du siehst, ist alles zum Besten bestellt. Denn wärest Du nicht aus dem Schloss geworfen worden, hättest Du nicht Amerika durchwandert und nicht Eldorado gefunden. Also Du wärest jetzt nicht hier, vereint mit allen Deinen Freunden. Ergo es ist alles zum Besten bestellt in dieser besten aller möglichen Welten.
Candide: Du bist ein Narr - Ich habe es selbst erfahren, die Welt ist schrecklich. Ideologien und Glaubenssätze können uns nicht helfen. Wir können nur arbeiten, unseren eigenen Garten bestellen.«

Allein in diesen wenigen Zeilen werden die wichtigsten Gemeinsamkeiten genannt, die Voltairs Dichtung aus dem 18. Jahrhundert mit der Diainstallation von Lothar Baumgarten aus den Jahren 1968-1976 verbinden. Baumgartens Arbeit ist ein ebenso kritischer wie politischer Kommentar vergleichbar der Literatur zur Zeit der Aufklärung. Und auch Baumgarten rekurriert zunehmend auf den Bereich der Sprache, obgleich zu Beginn seiner Laufbahn Bild und Ton im Vordergrund standen.

Das im Subtitel angeführte »Eldorado« Candides Schatzkammer, breitet Baumgarten als tropisches Naturidyll aus. In 187 Diabildern stellt der Künstler eine gewittrige, dunkle Regennacht, deren Übergang zum Tageslicht und zurück in den Schutz der Finsterniss, dar. Flankiert wird das im Raum schwebende Licht durch zarte Vogelstimmen, dumpfes Froschquaken, das sanfte Flirren von Gräsern im Wind. Aber der oberflächliche Schein trügt hier im doppelten Sinn: Baumgartens Eldorado existiert realiter als ein abgelegenes und verschmutztes Altrheinarmgelände zwischen Düsseldorf und Köln, und die Bilder wurden sichtlich manipuliert: Natürliche Blattformen hat der ehemalige Beuys Student künstlich nachgebaut, ein pittoresk in einer Regenpfütze treibendes Holzstück hat er dekorativ in die »natürliche« Kulisse drapiert. Unvermittelt tauchen zwischen den Großaufnahmen von Bäumen, Vögeln und Kröten Bilder aus Baumgartens Atelier auf. Die Grenzen zwischen Illusion und Illustration verfließen, die Polarität zwischen Natur und Kreatur wird ad absurdum geführt.
Was bedeutet »Landschaft« heute? Welches Bild haben wir von unserer Umwelt?

Baumgarten ist ein Sammler, ein Nomade, der die Welt durchstreift und seinen Reichtum aus der genauen Beobachtung erschafft. Ergebniss der Recherchen sind seine Installationen und Photographien, Begriffs - Sammlungen, in denen er seine Schätze, seine Trophäen, vorführt, denn wie der Künstler selber sagt: »Sprache ist in ihrer täglichen Anwendung und Verantwortung nicht unwesentlich an der Entwicklung des Klimas in der Gesellschaft beteiligt.«

So greift Baumgarten Voltairs Wort auf, um mit Hilfe von Bild, Ton und Zeichensystem eine Sensibilität für Ökologie und Umweltschutz zu erwirken. Er wird zum Ethnologen des eigenen Kulturkreises.

-> Text: Barbara Könches

Linkempfehlungen ::
· Kurzbiographie | Ausstellungen [Auswahl]
· Einzelausstellung im Portikus, Frankfurt| M., 1993
· Kurzbeschreibung der Arbeit »Gestürztes Kreuz«
  [Skulptur Projekte Münster, 1987]
· Lothar Baumgarten: mit Fotografie
  [Einzelausstellung; Krypta 182| Kunstverein Bergisch Gladbach, 1999]
· Ansichten verschiedener Arbeiten:
  · »Manipulierte Realität«, 1968-72; »Vakuum«,1978-80
    [Documenta X, Kassel, 1997]
  · »Araracuna«, 1985; »Caracas«, 1985 [Wandgemälde]
  · »Frankfurter Briefe«, 1989| 91
    [Museum für Neue Kunst, Frankfurt| M.]




Collection Pamela and Richard Kramlich;
courtesy Thea Westreich Art Advisory Services;
Foto: Lothar Baumgarten & Marian Goodman Gallery, New York
© VG Bild-Kunst, Bonn 2001


 
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Last update: Dienstag, 27. April 2004 um 15:55:51 Uhr
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