ZKM Logo
top
shadow

±±
Intro
KünstlerInnen
Werke
Literatur

Öffnungszeiten
Führungen
Sponsoren
Presse

±±±
Aktuelles Forum
Neuer Eintrag
Alle Eintraege

±
Join Now
Login


   zurück... | weiter...

Matthew Barney ::: 1967 : USA

Titel:: Cremaster IV
Art:: Videoinstallation
Jahr:: 1994-95

Der Künstler Matthew Barney, kaum 33 Jahre alt, zählt heute schon zu den renommiertesten Künstlern weltweit. Sein Name wird gerne in einem Atemzug mit dem legendären Joseph Beuys, den Wiener Aktionisten oder mit Kino-Größen wie David Cronenberg, Stanley Kubrick und Peter Greenaway genannt.

Eines der Faszinosen seines facettenreichen Werkes ist die Indifferenz gegenüber mentalen Zuschreibungskriterien. Viele Kritiker haben sich mit der Frage auseinander gesetzt, ob Barney nun ein typisch amerikanischer Künstler sei, wie dies seine Themenwahl, Körperkult und Schönheitswahn, nahelegt, oder nicht eher der europäischen Kunsttradition zugeneigt sei, wie die Fülle an Metaphern in seinem Werk vermuten läßt. In einem Interview, das Christoph Doswald 1996 mit Barney führte [in: Kunstforum Bd. 135, S. 312] erklärt der Künstler, ein Großteil der Ikonographie seiner Filme wären zu recht als amerikanisch zu bezeichnen, aber es fänden sich ebenso Anspielungen auf die griechische oder keltische Mythologie, und schließlich verschwänden alle geographischen Bezüge, wenn man das Destillat seiner Werke untersuche.

Es ist äußert diffizil Barneys Arbeit formal, stilistisch oder inhaltlich einzuordnen. Vielfältig sind seine Bezüge, beziehungsreich seine Zitate, androgyn seine Haltung. In Hinsicht auf »Cremaste I« erklärt der Künstler in obiger Publikation: »Ziel ist also das Aufrechterhalten der Indifferenz«.
Dies ist wohl bei weitem das zutreffenste Merkmal aller Filme von Matthew Barney.

Die während der letzten Jahre entstandene »Cremaster«-Serie verleiht diesem Sachverhalt schon im Titel Ausdruck. Der Kremaster-Muskel verändert die Stellung der Hoden in Abhängigkeit von der Temperatur, er verkörpert bereits das Potentielle, das »Symbol für den Willen des Systems, dieses Auf und Ab zu steuern", so Barney. Nicht zufällig bemächtigt sich der Künstler der anatomischen Nahsicht auf den Körper, denn vor seiner künstlerischen Laufbahn, widmete er sich dem Studium der Medizin, betrieb sehr viel Sport und arbeitete als Dressman. Zu recht darf man seine Filme über weite Strecken als autobiographisch ansehen, als eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die zwar einerseits in ein abstrahiertes Vokabular transfiguriert wird, andererseits jedoch narrative Komponenten aufweist.

Der Schauplatz von »Cremaster IV« 1994-1995, ist eine britische Insel. Die erste Einstellung zeigt den Protagonisten »Candidate« gespielt von Matthew Barney, der sein langes kupferrotes Haar bürstet. Wie die Figur einer Spinx wurde Candidate aus Mensch und Tier erschaffen. Nun erhebt er sich, um mit Hilfe dreier Feen in seine Steppschuhe zu gleiten und zu tanzen.
Candidate bewegt sich so virulent, dass er schließlich durch ein Loch in den Boden hinabgleitet. Sein Weg führt ihn einen schleimigen Tunnel umgeben von einer trüb-dunklen Flüssigkeit entlang, bis er zurück an die Oberfläche gelangt und auf einen prächtig geschmückten vierhörnigen Widder trifft.
Zwischen diesem Handlungsstrang ist ein zweiter eingeflochten, der das Wettrennen zweier Motorräder mit Seitenwagen vorführt. Entgegen der geläufigen Vorstellung fahren die Wettkämpfenden jedoch nicht in dieselbe Richtung, sondern sie starten aus entgegen gesetzten Positionen. Ebenso wie Candidate erschweren Unglück und Pannen ihr Vorwärtskommen. Die letzte Filmeinstellung führt beide Handlungsstränge in einer Synthese zusammen. Das blaue und das gelbe Motorrad treffen vor Candidates Zelt aufeinander.

Zur Interpretation des schleimigen Kanals, den der Haupdarsteller entlangkriecht, meint Barney: »In Tat und Wahrheit handelt es sich um ein Skrotum, einen Hoden. Die Cremaster 4 - Geschichte ist gefangen in der Reflexion über die Eitelkeit, über den Spiegel. In diesem Zusammenhang sollen die beiden Motorräder, ...und der Eingeschlossene, ...die inneren Mechanismen des Organismus nach außen projizieren. Auch wenn der Reproduktionsbegriff ein zentrales Element meiner Arbeit ist, und damit meine ich autoreproduktive Systeme, betrachte ich den Eingeschlossenen und die Motorräder eher als Metapher für die Verdauung. Die Bilder können natürlich unterschiedlich gelesen werden. Jemand war beispielsweise felsenfest davon überzeugt, darin einen Menstruationszyklus zu erkennen. Ich schätze dieses unterschiedliche Wahrnehmung.« [Zit. A.a.O.]

Wie immer man Barneys opulente Filmszenen detailliert analysieren mag, gewiß ist, dass man ihn als pränatalen Skulpteur bezeichen kann. Sein Abtauchen in den menschlichen Körper hinein, führt ihn in auf »eine homerische Reise zum Ursprung des Lebens oder zur Reife.« [Alexander Hettig] Seine Zeit ist die zwischen Zeugung und Geschlechterdifferenzierung, die kurze Spanne der Androgynie, eine Zeit in der Mann und Frau vereint sind, in der dem Ambivalenten das Distinktive fremd ist.So ist es nur konsequent, wenn Barney sich der Frage nach den Werturteilen in seiner Arbeit strikt verweigert.

»Cremaster I« erzählt die Geschichte zweier Zeppelinflüge über einem amerikanischen Fußballfeld, auf dem junge Mädchen nach der Choreographie von Frau »Goodyear« einen Reigen aufführen. In beiden Filmen verzichtet der Künstler auf Sprache. Einzig die suggestive Kraft seiner prachtreichen Bilder, seine operettenhaften Bühnenrequisiten und die mythischen Figuren kommunizieren Barneys Kunst, die einen Weg zwischen dem cinematographischen Geschichten-Erzählen und dem plastischen Gestalten darstellt.

»Cremaster I und IV« werden in der Ausstellung »Seeing times« abwechselnd zu sehen sein, außerdem kann man die Videoinstallation und Zeichnungen zu »Scabaction« 1988, betrachten.

-> Text: Barbara Könches

Linkempfehlungen ::
· Biografie
· »Cremaster 5« Portikus [Frankfurt] 1997
· »Cremaster 2« [Kunsthalle Wien] 2000
· Text zu »Cremaster 2«
· Ausstellung in der Tate Gallery [London] 1995
· Rezension in der Berliner Morgenpost, 21. Februar 2000
· Foto aus »Cremaster 1«
· weitere Fotos
· ausführliche Besprechung von »Cremaster 5« (engl.)
· weiterer ausführlicher Text über Barneys Arbeiten (engl.)



Collection Pamela and Richard Kramlich;
courtesy Thea Westreich Art Advisory Services;
© 1994 Matthew Barney Foto: Michael James O'Brien


 
shadow
Base

Last update: Dienstag, 27. April 2004 um 15:55:25 Uhr
Copyright 2014 ZKM

This site is using the Simply Paper 1.0 theme.